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Traktat: Die verwirrenden Wurzeln der Freimaurerei

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Inhaltsverzeichnis

Traktat: Die verwirrenden Wurzeln der Freimaurerei

Mehr Mythos als Wahrheit

Die Illustrationen hier im Freimaurer-Wiki sind andere als bei 'The Square'.

Im unabhängigen englische Freimaurermagazin The Square setzte sich David V. Barrett im Dezember 2014 mit der oft gestellten Frage auseinander, wie die Freimaurerei entstanden ist. Sein Fazit läuft darauf hinaus: Viel weiß man nicht, es gibt mehr Mythen als gesicherte Wahrheiten. Mit Genehmigung des Autors und von ‚The Square’ hat Rudi Rabe den Artikel für das Wiki ins Deutsche übertragen.

Nach der offiziellen Geschichtsschreibung wurde die erste Großloge englischer Freimaurer am 24. Juni 1717 gegründet: ein Jahr nachdem vier Londoner Logen im Gasthaus 'Goose and Gridiron' (Zur Gans und zum Bratrost) bei der St. Pauls Kathedrale zusammen gekommen waren. Aber war das wirklich der Anfang der Freimaurerei? Natürlich nicht! Schon allein deswegen nicht, weil diese vier Logen und vielleicht auch andere schon vor der Gründung der Großloge existiert haben müssen. Ob wir nun James Andersons Konstitutionsbuch von 1738 glauben oder nicht (Fußnote 1), er schreibt darin, dass in London schon 1693 acht Logen gearbeitet hätten. (2)

Sowohl Freimaurer als auch Nicht-Freimaurer haben bei ihren Versuchen, die Wurzeln der Freimaurerei zu klären, schon Millionen von Wörtern verschwendet. Aus vielen Gründen ist die Klärung unmöglich: auch wegen der Binsenweisheit, dass Geschichte immer auf Erzählungen zurückgeht, denen zwar mehr oder weniger gesicherte Fakten zugrunde liegen, die aber zugleich zusammengehalten werden von Annahmen, Vermutungen und gar nicht wenig Imagination. Bei der Freimaurerei kommt noch hinzu, dass viele Unterlagen verschwunden sind, dass sich manches widerspricht und dass vieles ganz klar erfunden ist. Masonische „Gelehrte“ des 18. und des 19. Jahrhunderts waren nicht nur für ihre unwahren „Geschichten“ berühmt, die bis zum biblischen Noah zurückgingen, sondern auch für die Erfindung von Orden und Schwindelritualen und sogar die Fabrizierung von Dokumenten, die ihre Behauptungen stützen sollten. Das macht es schwer für die heutigen Historiker.

Der Freimaurerforscher John Hamill schrieb 1986: „Warum 1717 die Großloge gegründet wurde, ist nie befriedigend beantwortet worden.“ (3) Und er erzählte mir: „Wir wissen nicht genug darüber, wie die Freimaurerei entstanden ist. Wir wissen nicht genug von den ersten Ritualen und wie sich diese entwickelten; die frühesten Ritualfragmente, die wir besitzen, datieren von den 1690igern und danach. Wir wissen nicht, was davor war.“ (4)

Bevor wir die Gründung der Großloge 1717 untersuchen, wollen wir uns die Entstehung der Freimaurerei davor anschauen. Es gibt drei Haupttheorien: Die Logen seien Nachfolger der mittelalterlichen Steinmetzzünfte, der Rosenkreuzer aus dem 17. Jahrhundert und der Tempelritter. Bei allen dreien gibt es Probleme mit der Geschichtsschreibung, mit der Logik oder dem bloßen Hausverstand. Aber jede enthält zumindest einen Aspekt symbolischer und vielleicht auch einige Elemente historischer Wahrheit, wenn auch nicht in der Art und Weise, wie wir uns das üblicherweise vorstellen.

Die Tempelritter

1314: Hinrichtung von Jaques de Molay

Das ist die am meisten romantische Theorie, aber die am wenigsten plausible. Sie erzählt uns, dass nach der endgültigen Zerstörung der Tempelritter durch König Philipp dem Schönen von Frankreich unterstützt von seinem engen Verbündeten Papst Clemens V. im Jahr 1307 ein Teil der Tempelritter nach Schottland geflohen sei. Dort seien diese dann 1314 bei der Schlacht von Bannockburn plötzlich Fahnen schwingend aufgetaucht und hätten Robert the Bruce geholfen, die Soldaten des englischen Königs Edward II. zu besiegen.

Das ist eine entzückende Story, aber trotz der vielen „alternativen Geschichtsbücher“, die sie als geschichtliche Wahrheit zitieren, ohne historische Plausibilität. Die Tempelritter hätten dann, so heißt es in dieser Erzählung, ihren Glauben und ihre Traditionen während der nächsten dreihundert oder vierhundert Jahre im Geheimen weitergepflegt bevor sie als Freimaurer wieder auftauchten. Angesehene Historiker, masonische Forscher und sogar einige Populärschriftsteller lehnen das als Erfindung ab. „Das ist alles spekulativ ... es gibt überhaupt keine historischen Belege für die Existenz einer geheimen Sozietät, die auf geflüchtete Tempelritter zurückging“, schreibt John Robinson. (5)

Die angenommene Verbindung zwischen den Tempelrittern und den Freimaurern stammt aus zwei Hauptquellen: dem Chevalier Andrew Michael Ramsay und Baron Karl Gotthelf von Hund. Ramsays ‚Oration’ von 1736 erwähnte zwar nicht die Tempelritter aber die Kreuzritter, „religiöse und kriegerische Fürsten“, die „gewisse symbolische Zeremonien ausführten“. (6) Von Hund gründete um 1754 einen Freimaurerorden mit dem Namen ‚Strikte Observanz’. Dessen wichtigste Erzählung war, dass Jaques de Molay, Anführer der Tempelritter und 1314 hingerichtet, einen Nachfolger namens Pierre d’Aument hatte, einenTempelritterprior aus der Auvergne. Dieser habe den Orden nach Schottland übersiedelt, und ihm sei dann eine ununterbrochenen Linie von Großmeistern nachgefolgt.

Im 18. Jahrhundert entwickelten die Freimaurer viele neue Orden und Seitengrade. Diese bauten auf dem auf, was man wusste, was man sich vorstellte, auf Mythen oder einfach auf Hirngespinste über die Tempelritter und über die Geschichte im allgemeinen. Das waren jedoch Vorstellungen, die erst nach den Ereignissen, auf die sie sich bezogen, entstanden waren, oder die als Gründungsmythen sogar absichtlich geschaffen wurden, um als Basis für neue masonische Orden zu dienen.

Unterstützt von den Franzosen versuchten im frühen 18. Jahrhundert die Jakobiten mit Bonnie Prince Charlie die Stuarts wieder auf den Thron von Schottland zu bringen. Der oben erwähnte Ramsay war ein Jakobit, und er veröffentlichte seine Geschichte zwischen den beiden jakobitischen Rebellionen 1715 und 1745. Die Jakobiten waren eine romantische Bewegung, und Ramsays ‚Oration’ war eine romantische Erfindung. In der Tat ist die ganze Verbindung von Tempelrittern und Freimaurern nach den Worten von A.E. Waites Freimaurerlexikon eine „farbenfrohe historisch-romantische Erzählung“. (7)

Es ist aber durchaus möglich, dass die Gründung der Londoner Großloge 1717 zwei Jahre nach der jakobitischen Rebellion eine ganz bewusste Maßnahme gegen den starken Einfluss der Schotten auf die Freimaurerei war: zur Stützung des weitum ungeliebten Hauses Hannover, das den englischen Thron drei Jahre vorher vom letzten Stuart übernommen hatte.

Der populäre Schriftsteller Robert Lomas geht davon aus, dass die Londoner Freimaurer „eine alternative Quelle der Autorität“ schaffen wollten „indem sie vier Logen zusammenspannten, die ihre schottische Herkunft bestritten, und eine Großloge als Regierung aller Freimaurerei bildeten“, angeführt von der hannoveranischen königlichen Familie. (8) Der erfahrene Freimaurerforscher Matthew Scanlan attestiert dieser Annahme eine gewisse Glaubwürdigkeit: „In England wurde die Freimaurerei von der Großloge in London verbreitet, und diese hat sich offenbar die meiste Zeit dem Haus Hannover unterstellt.“ (9)

Die Gründung der Freimaurerei hat also nichts zu tun mit den Tempelrittern; das ist nur eine romantische Fiktion. Dennoch könnte Schottland bei der Gründung der ersten Großloge eine gewisse Rolle gespielt haben. Sie könnte ein Instrument gegen die Popularität der Jakobiten (Haus Stuart) gewesen sein, eine Organisation zur politischen Kontrolle vor allem der Londoner Freimaurerei und des englischen Establishments.

Die Rosenkreuzer

Geheimnisvolle Rosenkreuzer-Urkunde

John Hamill und R. A. Gilbert verwerfen jede Verbindung zwischen den Rosenkreuzern und den Freimaurern als „Unsinn“. (10) Aber was meinen wir mit „Rosenkreuzer“?

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Rosenkreuzer als solche vor der Publikation der drei Rosenkreuzer-Manifeste 1614, 1615 und 1616 existierten. (11) Es hatte jedoch esoterisch-hermetische Philosophen gegeben, die Alchemie, Astrologie, verschiedene Glaubensrichtungen und Naturwissenschaften durcheinander mischten. Viele von ihnen begannen nach der Veröffentlichung der Rosenkreuzer-Manifeste nach der nichtexistierenden geheimen Bruderschaft zu suchen, und plötzlich tauchten zahlreiche neue geheime Bruderschaften auf.

Im Zentrum der rosenkreuzerischen Philosophie steht die Vorstellung, dass Gelehrte durch ihre Studien und ihre Lehren der Welt Heil bringen; ebenso durch ihre eigene Ausstrahlung, durch ihren subtilen Einfluss auf Andere. Das ist ziemlich das Gleiche wie die Ziele der Freimaurerei.

Der Freimaurerschriftsteller Bernard E. Jones geht fehl, wenn er die Rosenkreuzer als „wissenschaftliche Stümper“ abtut. (12) Die hermetischen Philosophen, die Alchemisten der Renaissance, die Rosenkreuzer – wie immer man sie nennt – waren die Wissenschaftler ihrer Tage. Mit großem persönlichen Risiko – durch giftige Chemie oder Explosionen ebenso wie durch die Kirche, die sie der Häresie verdächtigte – warfen sie die mittelalterlichen Fesseln der aristotelischen Philosophie ab und wandten sich stattdessen der Erfahrungswissenschaft zu, und zwar in einem großen philosophischen, spirituellen und symbolischen Kontext. (Die heutigen Wissenschaftler ignorieren den Umstand, dass Sir Isaac Newton viel mehr Zeit für Alchemie und biblische Weissagungen investierte und darüber viel mehr schrieb als über die Gravitation oder das Licht.)

Während der Herrschaft Cromwells (1649 bis 1660) nach dem englischen Bürgerkrieg traf sich eine Gruppe dieser Gelehrten ohne Rücksicht auf ihre politischen und religiösen Meinungsdifferenzen in Oxford und im Gresham College in London zu Vorträgen und um ihre Erkenntnisse auszutauschen. Und nach der Wiedereinsetzung von Charles II. beteiligten sie sich 1661 an der Gründung der Royal Society, der ältesten und angesehensten naturwissenschaftlichen Gesellschaft der Welt – und in einer gewissen Weise die Verwirklichung des mythischen ‚Unsichtbaren Colleges’ der Rosenkreuzer.

Es ist bezeichnend, dass sich zur gleichen Zeit die „spekulative“ Freimaurerei mit ihrem ganz ähnlichen Zugang zu politischen und religiösen Meinungsunterschieden verbreitete. Den ersten gesicherten Hinweis haben wir im Tagebuch von Elias Ashmole (Gründer des berühmten Ashmolean Museums in Oxford), in dem festgehalten wird, dass er 1646 in Warrington, Lancashire, in eine Freimaurerloge aufgenommen wurde. Ashmole war ein reguläres Mitglied der Oxford und Gresham Colleges, und er war auch einer der Mitgründer der Royal Society.

Die Verbindungen zwischen der Royal Society und der Freimaurerei sollten sich fortsetzen; eine Studie der Quatuor Coronati zeigt, dass „von den ersten 250 Mitgliedern der Society 89 zweifelsfrei als Freimaurer identifiziert werden können“. (13)

Die Steinmetze

Steinmetze: Montage von Jens Rusch

Die übliche Erklärung innerhalb der Freimaurerei über ihre Wurzeln lautet, sie sei einfach aus den mittelalterlichen Steinmetzzünften herausgewachsen: einer Berufsvereinigung gelernter Kunsthandwerker, die mit dem Meißel Steine behauen haben. Der erste bekannte Beleg für sie als „Freemasons“ stammt aus dem Jahr 1376. (14)

Den Steinmetzen, welche zwischen 1050 und 1350 die großen Kathedralen Europas bauten, wird nachgesagt, sie hätten die Geheimnisse ihres Geschäfts eifersüchtig bewahrt, und sie hätten Erkennungszeichen gehabt, so dass sie als anerkannte Kunsthandwerker von einem Ort zum anderen ziehen konnten. Sie wohnten, arbeiteten, teilten ihr Wissen und diskutierten in Bauhütten: temporären Gebäuden, die an den Wänden der Kathedralen errichtet wurden. Wenn eine Kathedrale fertig war, zogen manche Steinmetze zu einer anderen Kathedrale oder in ihren Heimatort. Andere hatten an dem Platz, an dem sie jahrelang gearbeitet hatten, persönliche Wurzeln geschlagen und blieben. Da ihre Steinmetzhütte jetzt nur noch sehr wenige Mitglieder hatte, nahmen sie – so wird vermutet – neue Mitglieder mit anderen Berufen auf, die man später „spekulative Maurer“ nannte im Gegensatz zu den „operativen Maurern“.

Obwohl sich manches in dieser oder einer ähnlichen Weise zugetragen haben mag, riecht es nach einer nachträglichen Zurechtbiegung; es gibt wenige Gründe, dies so zu glauben.

Hingegen führt vielleicht eine andere „steinmetzische“ Erklärung zur Gründung der Großloge. Nach dem großen Feuer in London im Jahr 1666, das 1300 Häuser und 90 Kirchen zerstörte, auch die St. Pauls Kathedrale, begann unter der Führung von Sir Christopher Wren – der sowohl ein Freimaurer als auch ein Mitglied der Royal Society war – ein großes Wiederaufbauprogramm. Dadurch fanden in London viele Bauarbeiter – also Maurer – Arbeit. Das waren nicht nur gewöhnliche Maurer; ein Steinmetzmeister war ein erstklassig ausgebildeter Handwerker, der auch in Architektur und Geometrie beschlagen war, also in Wissensgebieten, in die über tausende Jahre esoterische Prinzipien eingeflossen waren – manche von ihnen wurden dann von der Freimaurerei symbolisch übernommen. Obwohl die spekulative Freimaurerei schon vor dem Großen Feuer existierte (Elias Ashmole, ein Altertumsforscher, Astrologe und Alchemist aber weder ein Kunsthandwerker noch ein Architekt, wurde schon zwanzig Jahre vorher ein Freimaurer), scheint es mehr als ein Zufall zu sein, dass die Freimaurerei im späten 17. Jahrhundert aufblühte.

Ein Freimaurerforscher nimmt an, dass die Großloge 1717 eingerichtet wurde, weil die Aufbauarbeit in London dann abgeschlossen war und viele Steinmetze die Stadt verlassen hatten. Die Bauhütten waren dann sehr darauf aus, „Gentlemen Mitglieder“ aufzunehmen, nicht nur um die Mitgliederzahlen stabil zu halten, sondern weil die Neuen doppelt so hohe Mitgliedsbeiträge zahlen mussten wie die „operativen Steinmetze“. (15)

Schlussfolgerungen

Der Satz von den „Ursprüngen der Freimaurerei“ hat zwei verschiedene Bedeutungen: Erstens die Herkunft der Freimaurerei selbst; diese ist unklar und dunkel und wird wohl nie geklärt werden. Und zweitens die Herkunft und Einrichtung der offiziellen Londoner Großlogenmaurerei, für die es zumindest ein Datum gibt, obwohl man alles andere in Frage stellen kann.

Und um die Verwirrung noch größer zu machen, wurden alte masonische Aufzeichnungen praktischerweise durch ein Feuer zerstört bevor James Anderson für die Großloge 1723 eine neue Konstitution verfasste: mit der „Geschichte, den Gesetzen, Verordnungen, Regeln und Gebräuchen der Ehrwürdigen Bruderschaft von Angenommenen Freimaurern; zusammengestellt aus ihren allgemeinen Aufzeichnungen und ihren vielen Traditionen aus allen Zeiten“. Daher gibt es keinen Nachweis für das, was Anderson über die Geschichte der Freimaurerei oder die Gründung der Großloge schreibt.

War der Zweck des Feuers, wie Anderson selbst andeutet, die Geheimnisse der Handwerker vor den neuen Gentlemen Maurern zu verbergen? „Oder war es ein Versuch der neuen Großloge, das Wissen über die Geschichte vor 1717 zu tilgen?“, fragt Mathew Scanlan. (16) Professor Alexander Piatigorsky schreibt vom „Neu-Erschaffungs-Impuls“ in der Freimaurerei jener Zeit. Und: „Es ist eine historische Wahrheit, dass es die Freimaurerei fast von Anfang an nötig hatte, ihre eigene Vergangenheit zu konstruieren.“ (17) Sogar ‚The Pocket History of Freemasonry’, das ja kaum das radikalste oder subversivste Buch über die Freimaurerei ist, gibt zu, dass es Andersons „historische Darstellungen, ausgenommen jene innerhalb seiner eigenen masonischen Erfahrung oder die klar bestätigten, gewöhnlich ignoriere.“ (18) Tobias Churton hält schonungslos fest, dass durch die Einrichtung der Großloge und die Niederschrift von Andersons Konstitution 1723 und 1738 „die wirklich existierende Londoner Freimaurerei, die ‚London Company of Masons’, geräuschlos aus der Geschichte getilgt wurde.“ (19)

Es ist so wie bei anderen esoterischen Vereinigungen zweifelhafter Herkunft, beispielsweise den ‚Societas Rosicruciana in Anglia’ und dem ‚Hermetic Order oft the Golden Dawn’: Man kann ihren Gründungsmythen nie einfach so vertrauen – die Freimaurer eingeschlossen.

Keine der drei populären Vorstellungen über die Wurzeln der Freimaurerei ist zuverlässig. Die Verbindung mit den Templern ist ganz klar eine idealistische Vorstellung: die romantische Idee vom esoterischen Orden und seinen Ritualen, in die dann ganz andere Symbole aus der Welt der Steinmetze eingeflossen wären. Allerdings: Auch wenn die Tempelritter ihre Geheimnisse nicht jahrhundertelang in Schottland verborgen haben bevor sie zu Freimaurern wurden, ist es dennoch mehr als wahrscheinlich, dass die schottischen Ursprünge der Freimaurerei dem neuen und unbeliebten Londoner Regime in einer Zeit jakobitischer Popularität nicht genehm war.

Zweifellos gibt es aber Verbindungen zwischen den Freimaurern und anderen Gruppen: den Rosenkreuzern, die sich aus den spirituell gesinnten hermetischen Philosophen mit ihrem Interesse für Alchemie, Astrologie, Medizin und wissenschaftliche Forschung entwickelten; den Gresham-College-Forschern mit ihrer Toleranz gegenüber politischen und religiösen Meinungsverschiedenheiten; und der Royal Society mit ihrem Interesse für wissenschaftliche Experimente. All das brachte Männer aller Glaubensrichtungen und (zumindest theoretisch) aller Klassen in einer Bruderschaft zusammen, in der es unterstützt durch geheime Zeichen und Rituale um Weiterbildung ging. Es waren immer wieder dieselben Menschen, die sich dazu trafen.

Wie schon bei den operativen Steinmetzen bezogen dann auch die freimaurerischen Mythen ihre spirituelle Inhalte aus den Symbolen des Bauhandwerks und der Architektur: die Vorstellung der Vervollkommnung des Menschen von einem rauen zu einem behauenen Stein und vom Geheimnis im Herzen des Menschen, das wie eine große Kathedrale etwas Göttliches birgt: „näher als der Atem, den er atmet, sogar in seinem eigenen Herzen“. (20)


Fußnoten: (1) Tobias Churton, ‚Freemasonry: The Reality’, Hersham: Lewis Masonic, 2007: 265-6 (2) Ebd.: 259 (3) John Hamill, ‚The Craft: A History of English Freemasonry’, Wellingborough: Crucible, 1986: 42. (4) David V. Barrett, ‚A Brief History of Secret Societies, London: Constable & Robinson, 2007: 108-9 (5) John J. Robinson, ‚Born in Blood: The Lost Secrets of Freemasonry’, London: Century, 1989: 168. (6) Robert Macoy, ‚A Dictionary of Freemasonry’, 1850, New York: Bell Reprint 1989: 319 (7) A.E. Waite, ‚A New Encyclopaedia of Freemasonry’, 1921, New York: University Books, 1970, vol 2: 356 (8) Robert Lomas, ‚The Invisible College: The Royal Society, Freemasonry and the Birth of Modern Sience’, London: Headline, 2002: 267. (9) M.D.J. Scanlan, ‚John Wilkes: Freemasonry and the emergence of popular radicalism’, in Scanlan, M.D.J., ‚The Canonbury Papers vol 1: The Social Impact of Freemasonry ond the Modern Western World. London: Canbonbury, 2002: 37. (10) John Hamill, R.A. Gilbert, ‚World Freemasonry: An Illustrated History’, London: Aquarian Press, 1991: 28. (11) See Yates, A. Francis, ‚The Rosicrucian Enlightement’, London: Routledge, 1972; Tobias Churton, ‚The Golden Builders: Alchemists, Rosicrucians and the First Free Masons’, Lichfield: Signal Publishing, 2002, etc. (12) Bernard E. Jones, ‚Freemasons Guide and Compendium’, London: Harrap, 1950, 1994 edn: 118. (13) J.R. Clark, ‚The Royal Society and Early Grand Lodge Freemasonry’, Ars Quatuor Coronatorum 80, 1967: 110-120, cited in Scanlan 2002: 38. (14) M.D.J. Scanlan, ‚Freemasonry and the Mystery of the Acception, 1630-1723 – A Fatal Flaw’, in R. William Weisberger et al (eds), ‚Freemasonry on Both Sides oft he Atlantic’, Boulder: East European Monographs/New York: Columbia University Press, 2002: 156-7 (15) Ebd. 174 (16) Ebd. 175 (17) Alexander Piatigorsky, ‚Who’s Afraid of Freemasons?’, London: The Harvill Press, 1997: 70, 71. (18) Fred L. Pick & Norman G. Knight, ‚The Pocket History of Freemasonry’, 8th edn., London: Muller, 1991: 86. (19) Churton 2007: 259. (20) Joseph Fort Newton, ‚The Builders’, London: George Allen & Unwin, 1914: 211.


Über den Autor David V. Barrett

Er promovierte in Soziologie und Religion an der ‚London School of Economics’. Seine Bücher beschäftigen sich mit alternativen Religionen und esoterischen Bewegungen. Unter anderen: ‚The Fragmentation of a Sect’ (OUP 2013), ‚A Brief Guide to Secret Religions’ (Constable & Robinson 2011), ‚The Atlas of Secret Societies’ (Godsfield/Hamlyn 2008), ‚A Brief History of Secret Societies’ (Constable & Robinson 2007) und ‚The New Believers’ (Cassell 2001).

Persönliche Nachbemerkung von Rudi Rabe

Erst vor wenigen Wochen habe ich das posthum erschienene Buch von Alfred Schmidt, ‚Entstehungsgeschichte der humanitären Freimaurerei’ gelesen. Wie David V. Barrett stellt auch er eine lose Verbindung von den ‚Rosenkreuzern’ zu den frühen Freimaurern her, wobei er die Frage, was denn diese Rosenkreuzer gewesen sein sollen, genau so unbestimmt-vielfältig beantwortet wie Barrett in seinem Artikel. Bemerkenswert erscheint mir dieser Gleichklang deswegen, weil in der heutigen Freimaurerei die Vorstellung, die Freimaurer seien aus den Dombauhütten und nur aus diesen hervorgegangen, üblicherweise als unhinterfragte historische Wahrheit gilt.

Anders Alfred Schmidt: „Die Frage nach alchemistisch-rosenkreuzerischen Einflüssen auf die Anfänge der Freimaurerei gehört zu den ältesten, noch keineswegs erledigten Themen der Forschung.“ Diese Einflüsse waren „so tiefgreifend, dass im siebzehnten Jahrhundert die Namen Freimaurer und Rosenkreuzer nahezu dasselbe bezeichnen. ... Die schon im frühen siebzehnten Jahrhundert in England nachweisbaren Societies of Freemasons knüpfen zwar an Bräuche der Maurerzünfte an, führen aber eine eigenständige Existenz und sind, im Gegensatz zu jenen, nicht spezifisch religiös, sondern philosophisch orientiert. ... Zugehörigkeit zur Zukunft der Steinmetzen wird in dem sich herausbildenden Bund immer unwichtiger, wenn sie nicht ... nur eine Tarnung war für jene Kreise, die im religiös-politischen Wirrwarr der Zeit nach neuen geistigen und weltanschaulichen Grundlagen suchten.“

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