Bernhard Scheichelbauer

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Foto: ÖNB/Winkler
Foto: Rudi Rabe; das Gemälde gehört der Großloge

Bernhard Scheichelbauer war zwölf Jahre lang Großmeister der Großloge von Österreich: von 1948 bis Ende 1959. Gemeinsam mit Alexander Giese und mit Heinz Scheiderbauer gehört er zu den drei Großmeistern, welche die Großloge bis zum Ende des Jahrhunderts am meisten geprägt haben. In der zeitlichen Abfolge dieser drei war er der erste. Er war nach dem Zweiten Weltkrieg maßgebend für den Wiederaufbau der von den Nazis völlig zerstörten österreichischen Freimaurerei sowie für deren internationale Anerkennung. Von Rudi Rabe.

Sein Leben

Geboren am 1. Jänner 1890 im kaiserlich-königlichen Wien und dort am 30. November 1969 verstorben wurde Bernhard Scheichelbauer 79 Jahre alt. Von Beruf war er Staatsbeamter beim österreichischen Bundespressedienst, den er zuletzt auch leitete.

Freimaurer wurde Scheichelbauer im Alter von 41 Jahren in der Kärntner Loge Paracelsus. Das war im Jahr 1931, also noch im demokratisch verfassten Österreich und sieben Jahre vor dem Einmarsch der Hitler-Truppen und dem Anschluss des Landes an das nationalsozialistische Deutsche Reich, was die sofortige und vollständige Zerstörung der österreichischen Freimaurerei zur Folge hatte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übersiedelte Bernhard Scheichelbauer nach Wien. Dort trat der der Sammelloge „Humanitas Renata“ bei, in der sich die kleine Zahl noch vorhandener Freimaurer einfand. Bald danach wurde die Loge „Zukunft“ reaktiviert, und Bernhard Scheichelbauer war einer ihrer (Wieder-)Gründungsmeister. In dieser Loge blieb er bis zu seinem Tod 1969.

1948: Scheichelbauer wird Großmeister der ‘Großloge von Österreich’

Der letzte Großmeister vor dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland war Richard Schlesinger; er starb im Sommer 1938 in Gefangenschaft der Gestapo. Sieben Jahre später nach der Nazi-Zeit und dem Zweiten Weltkrieg übernahm Schlesingers Stellvertreter Karl Doppler die Führung des übrig gebliebenen kleinen Rests. Es blieben ihm jedoch nur zwei Jahre: 1947 starb er eher unerwartet. Und so wurde Bernhard Scheichelbauer im Februar 1948 einstimmig zum Nachfolger Karl Dopplers gewählt: als Großmeister der „Großloge von Wien für Österreich“, wie sie damals noch hieß.

Das war jetzt nicht ganz drei Jahre nach dem Krieg in der immer noch schwere Nachkriegszeit im wiedererstandenen Österreich. Das Land war in vier Besatzungszonen aufgeteilt, es gab zu wenig zu Essen, und es herrschte sehr große Wohnungsnot. Damit die freimaurerischen Arbeiten stattfinden konnten, musste 1948 jeder Bruder drei Fett- und vier Brotmarken mitbringen, und manche Treffen konnten mangels Heizmaterial gar nicht stattfinden. Amerikanische Logen schickten ihren österreichischen Brüdern Pakete mit Kleidung und Schuhen.

Die Logen der österreichischen Großloge zählten Anfang der dreißiger Jahre fast 2.000 Mitglieder. Unter dem Druck des austrofaschistischen Regimes (die Beamten mussten austreten) sank diese Zahl auf gut 800. Nach dem Zweiten Weltkrieg trafen einander in Wien noch ein paar Dutzend Brüder. Als Scheichelbauer Großmeister wurde waren es bereits wieder 227. Ihre Zahl stieg dann kontinuierlich weiter.

Sein Programm und sein Führungsstil

Scheichelbauer zeichnete so etwas wie Leadership aus. Gleich nach seiner Amtsübernahme Anfang 1948 übermittelte er den Logen das folgende Sechs-Punkte-Programm:

  1. Intensivierung der Innenarbeit, der Ritualistik und der Symbolik.
  2. Mehr Kontakt mit den außerhalb Wiens lebenden Brüdern, um nach und nach Logen in möglichst allen Bundesländern zu gründen.
  3. Anwerbung und Vorbereitung junger Männer für den Logeneintritt durch Seminare und Sommerlager.
  4. Humanitäre Unterstützung nicht parteigebundener sozialer Werke.
  5. Nach der Nazi-Diktatur Werbung für Demokratie und Freiheit; Konkretisierung und Verschärfung der schon 1945 beschlossenen Regeln für die Nichtaufnahme ehemaliger Nazis.
  6. Möglichst rasche Restaurierung der Beziehungen mit Großlogen außerhalb Österreichs, vor allem auch mit den Engländern.

Obwohl internationale Reisen aus dem kleinen und verarmten Österreich heraus damals gar nicht so einfach waren, reiste Scheichelbauer schon wenige Monate nach seiner Amtsübernahme zu freimaurerischen Treffen in die Schweiz, nach Frankreich, Belgien und England.

Seine Art, die Großloge zu führen, war eher strikt. Damals war das ja in unseren Breiten überall so: in den Familien, in den Schulen, in der Wirtschaft und im öffentlichen Dienst. Manche seiner programmatischen Reden waren gespickt mit Kritik nach innen, er verlangte Disziplin. Anfang 1950 knöpfte er sich in einer Großlogenversammlung anonyme Briefschreiber vor („gröbste Verletzung der Pflicht“). Und ein Jahr später beendete er eine Bundeshauptversammlung abrupt, weil eine Gruppe Obstruktion betreibe; es war um eine Statutenänderung gegangen.

Etwa am Beginn seiner vierten (und letzten) Amtsperiode kritisierte er zu viel Routine: Diese „entseelt die Logenarbeit, die das Gegenteil geistig-seelischer Passivität sein muss. Die Loge ist der Ort, der dem Menschlichen im Menschen dient. Das Ritual mit seinen Symbolen soll unsere Seele so ansprechen, dass sie lernt, sich zu formen und zu entfalten und dadurch das Ewige in uns zu empfinden.“ Das freimaurerische Ritual war ihm immer sehr wichtig, er hat die vorhandenen Texte im Jahr 1956 sogar selbst überarbeitet und sie dann nach einer dreijährigen Prüfungszeit 1959 in Kraft gesetzt. Völlig neu eingeführt hat er im selben Jahr das freimaurerische Rosenritual, das bei Trauerfeiern und ganz allgemein zum Gedenken an die verstorbenen Brüder verwendet wird.

Auch die Öffentlichkeitsarbeit war ihm wichtig. Er schrieb zwei Bücher: 1952 „Die Johannisfreimaurerei - Versuch einer Einführung“ und 1959 gemeinsam mit Gustav Kuéss, dem damaligen Großbibliothekar der Großloge, das Buch „200 Jahre Freimaurerei in Österreich“. Völlig neu war zum Beispiel: Dem in der britischen Zone angesiedelten Radiosender „Alpenland“ gab er 1953 ein Interview, und in der Wiener Volkshochschule Stöbergasse hielt er 1959 einen öffentlichen Vortrag zum Thema „Was wollen die Freimaurer?“ - damals sehr ungewöhnliche Handlungen für einen österreichischen Freimaurer-Großmeister.

Scheichelbauers „außenpolitische“ Grundanliegen

Vor allem zwei sind zu erkennen: sein intensives und schließlich erfolgreiches Bemühen, von der weltweit beispielgebenden United Grand Lodge of England anerkannt zu werden; und seine Versuche in Richtung Aussöhnung mit der Katholischen Kirche.

➤ Wiederaufnahme in die englisch orientierte Weltfreimaurerei

Das Bemühen darum war keineswegs selbstverständlich. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg war der diesbezügliche Kurs der Großlogenführung weniger klar, was dazu führte, dass die Anerkennung durch die Grand Lodge zwölf Jahre auf sich warten ließ.

Jetzt nach dem Zweiten Weltkrieg war das Bemühen der Österreicher um die Anerkennung durch die englische Großloge und damit die Aufnahme in die englisch orientierte Weltfreimaurerei eindeutig. Dem stand jedoch der Beschluss der Engländer entgegen, mit den Großlogen ehemaliger Feindstaaten bis auf weiteres keine Beziehungen einzugehen.

Was Österreich betrifft begann sich um 1950 langsam zu lockern. Dies war nicht zuletzt die Frucht ständiger Bemühungen Scheichelbauers, in London tatkräftig unterstützt von österreichischen Brüdern, die vor dem Krieg nach England emigriert waren; dabei erwarb sich vor allem Hans H. Hoffmann von der Londoner Emigrantenloge „Mozart“ große Verdienste. Und so lud die „United Grand Lodge“ schließlich Bernhard Scheichelbauer für März 1952 zu einem offiziellen Besuch in die britische Hauptstadt ein. Dort wurde er von den Spitzen der Grand Lodge empfangen. In einer weiteren Reise im Juni ging es dann um Details. Die Österreicher mussten für die Anerkennung bestimmte Voraussetzungen erfüllen: vor allem die Akzeptanz der altehrwürdigen “Aims and relationships of the craft“, also der in England entwickelten freimaurerischen Grundregeln; zugleich mussten sie ihre Mitgliedschaft in der Universellen Freimaurer Liga (UFL) sistieren, weil diese nach Ansicht der Engländer zu sehr unter französischem Einfluss stand.

Es dauerte dann noch bis zum Dezember 1952 bis die United Grand Lodge gegenüber der österreichischen Großloge die langersehnte Anerkennung aussprach. Sie war die erste Großloge in einem ehemaligen Feindstaat, die von den Engländern anerkannt wurde.

Durch die englische Anerkennung wurde die österreichische Großloge von einer kleinen isolierten masonischen Insel zu einem vollwertigen Mitglied der regulären Weltfreimaurerei. Vor allem auch, weil dann noch in der Amtszeit Scheichelbauers 75 weitere ausländische Großlogen es den Engländern gleichtaten, eine Zahl, die sich in den Jahrzehnten danach noch einmal mehr als verdoppelte. Die Anerkennung der Großloge von Österreich durch die United Grand Lodge of England ist zweifellos ein bleibendes Erbe Bernhard Scheichelbauers.

Aber nicht nur das: Viel intensiver als die Großlogenführung der Zwischenkriegszeit intensivierte er auch die Beziehungen zu den Großlogen der österreichischen Nachbarstaaten, vor allem zur Schweiz und zu Deutschland. Sein Gegenüber auf der deutschen Seite war Theodor Vogel, Architekt des Wiederaufbaus der ebenso zerstörten deutschen Freimaurerei. Eine Frucht dieser Zusammenarbeit war 1954 die Konvention von Luxemburg, in der ähnlich wie in den englischen Basic Principles freimaurerische Grundsätze geregelt wurden. Die ursprüngliche Intention, durch diese Vereinbarung die verschiedenen mitteleuropäischen Großlogen, seien sie nun "regulär" oder "irrregulär", irgendwie zusammenzuführen, konnte jedoch nicht erreicht werden, so dass diese Konvention nach einiger Zeit obsolet wurde.

➤ Bessere Beziehungen mit der Katholischen Kirche

Bernhard Scheichelbauers Grab ist im Friedhof Wien-Neustift am Wald, Pötzleinsdorfer Höhe 2 (Grabstätte U2/2). Außer ihm selbst ruhen hier seine Frau Alice, die ihn um zehn Jahre überlebte, und ihr gemeinsamer Sohn Heinz. - Foto Br. Kurt

Weniger Erfolg war Scheichelbauers Bemühen um eine Aussöhnung mit der Katholischen Kirche beschieden. Zwar traf er sich schon im August 1948 mit dem damaligen Wiener Kardinal Innitzer zu einem durchaus fruchtbaren Gespräch über das Thema „Kirche und Freimaurerei“, und Innitzer soll dabei - so das Gedächtnisprotokoll Scheichelbauers - gesagt haben, „warten wir einen günstigen Augenblick ab, in dem man mit Rom sprechen kann“. Lange Zeit ging jedoch nichts weiter. Eher im Gegenteil: 1954 setzte der Vatikan das von Bernhard Scheichelbauer zwei Jahre davor veröffentlichte Buch „Die Johannisfreimaurerei“ auf den „Index librorum prohibitorum“, also auf die damalige Liste der für Katholiken verbotenen Bücher. Und die Vatikanzeitung „Osservatore Romano“ schmähte dann in einem Leitartikel (!) das Buch. Anders übrigens Friedrich Funder, der Herausgeber der katholischen Wochenzeitung „Die Furche“ in Wien. Er schrieb an Scheichelbauer die ermutigenden Zeilen: „Ich anerkenne und ehre ihr Bemühen um ein loyales gegenseitiges Verstehen. Ich möchte Sie beschwören, an dem gewünschten Ziel nicht zu verzweifeln.“ Und der konservative (ÖVP) damalige österreichische Bundeskanzler Julius Raab, in dessen Bundespressedienst Bernhard Scheichelbauer arbeitete, ließ ihm ausrichten, er solle dem kirchlichen Verdikt über sein Buch keine übertriebene Bedeutung beimessen.

Scheichelbauer blieb bei diesem Thema ein Durchbruch also verwehrt. Man kann sein Bemühen um eine Verbesserung der Gesprächsbasis mit der Katholischen Kirche jedoch als Vorspiel der Gespräche ansehen, die dann in den 1960er Jahren unter dem Schutz des Wiener Kardinals König als „Dialog Katholische Kirche - Freimaurerei“ stattfanden, die in der Lichtenauer Erklärung gipfelten. Für die Großloge von Österreich war deren stellvertretender Großmeister Kurt Baresch zuständig. Das war aber schon unter Scheichelbauers Nachfolgern Carl Helmke und Heinz Scheiderbauer.

Am 30. November 1969 starb Bernhard Scheichelbauer in Wien. Ein seltsamer Zufall: Einen Tag danach sprach Kardinal König mit Papst Paul VI. und berichtet ihm über den Dialog mit den Freimaurern. Laut König stand der Papst der Entwicklung positiv gegenüber: Es sei vorgesehen, dass der „Freimaurer-Paragraph“ neu formuliert wird. Begleitet von einigem Holpern und innerkirchlichen Widerständen geschah das dann 1983 mit der Neuformulierung des Codex Iuris Canonici.

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Siehe auch

Links

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