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Martines de Pasqually und der Orden des Elus Coëns

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Martines de Pasqually und der Orden des Elus Coëns

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Die zweite Hälfte des 18.Jahrhunderts hat als Gegenbewegung gegen das rationalistische, bis zum Atheismus reichende Denken der Aufklärung eine ganze Reihe mystischer, gnostischer und okkultistischer Systeme innerhalb und außerhalb der Freimaurerei hervorgebracht.

Diese Systeme nahmen Gedankengänge der antiken und christlichen Mystik und auch der Kabbala auf. R. Amadou hat ihnen 1987 eine eingehende Studie gewidmet. Eines von diesen Systemen ist zum Ausgangspunkt eines Denkens geworden, das den RSR stark beeinflusst hat und z.T. in seinen Ritualen fortlebt: der Orden des Elus Coëns.

Sein Begründer ist Jacques de Livron Joachin de la Tour de la Case Martines de Pasqually (um 1715—1774). Wir wissen wenig von ihm. Er soll als Sohn eines Juden aus Alicante und einer französischen Mutter in Grenoble geboren worden sein. Sicher ist, dass franzö­sisch nicht seine Muttersprache war und, es wird vermutet, dass er wahrscheinlich Kenntnisse der Kabbala besaß, doch er war als Christ getauft, heiratete kirchlich und ließ seine Kinder taufen.

Von 1754 an erscheint er in zahlreichen Logen des Languedoc, in Avignon, Montpellier, Marseille und Toulouse. Er versucht, den dortigen Logen sein eigenes Hochgradsystem anzugliedern. Als Freimaurer weist er sich aus durch ein wahrscheinlich gefälschtes Patent, ausgestellt 1738 für seinen Vater und ihn selbst durch einen „Grand Maitre de la Loge de Stuart des Masons d’Ecosse, Irlande et Angleterre“; sein darin angegebenes Geburtsdatum kann nicht stimmen. Er behauptet, über okkulte Praktiken zu verfügen und unsichtbare Geister sichtbar zu machen. Nicht immer hat er Erfolg: die Loge „Saint-Jean des Trois Loges Reunies“ in Toulouse stößt ihn als Schwindler aus und warnt andere Logen vor ihm. 1761 kommt er nach Bordeaux. Hier gelingt es ihm, in der Loge „La Fran?aise“ einen „Temple particulier“ zu errichten und im Infanterieregiment Foix erstmals den Orden der Elus Coëns zu gründen. Seine Anhänger breiten sich rasch aus, wenn auch nicht ohne innere Differenzen. Trotz des Scharlatanhaften in seinem Auftreten muss seine Ausstrahlung groß gewesen sein. 1765 anerkennt die Grande Loge de France sein System, 1766 wird eine Loge in Paris errichtet. Der Orden ist in 12 Städten präsent.

Dabei dienen immer die symbolischen Logen als Organisationsnetz für den neuen Orden, der sich den blauen Graden aufpfropft. Bedeutende Männer treten nun bei, so 1768 Jean Baptiste Willermoz und Louis-Claude de Saint-Martin. Die Leitung hat ein „Tribunal Souverain“ inne, Pasqually selbst ist der „Grand Souverain“. Doch der Orden steht auf schwachen Füssen.

Pasqually ist schwer verschuldet, seine Schulden werden von den Brüdern bezahlt, jedoch nur gegen neue okkultistische »Aufschlüsse“. Praktisch lebt Pasqually, und nicht schlecht, auf Kosten des Ordens. Streitigkeiten sind häufig.

Der Orden des Elus Coëns de l'Univers (der „auserwählten Priester“) besteht aus 11 Graden: auf die drei symbolischen Grade folgt der „Maitre Parfait Elu“, dann der „Apprenti- »Compagnon- und Maitre-Coen“, der „Grand Architecte“, der „Chevalier de l’Orient“, der „Commandeur de l’Orient“ und endlich der erst 1767 geschaffene höchste Grad des „R6au-Croix“, der nur wenigen erteilt wird. Martines de Pasqually legt 1771 seine bisher nur mündlich überlieferte Lehre mit Hilfe Saint-Martins in seinem Werk „ Traite de la Reintegration des £tres; es wurde nur in wenigen Exemplaren verteilt und erst 1899 und wieder 1974 gedruckt.

1774 fährt Martines nach Santo Domingo, um eine Erbschaft anzutreten, sendet von dort immer noch zahlreiche Weisungen, Rituale und Instruktionen. Im gleichen Jahr stirbt er in Santo Domingo. Dort löst sich der Orden 1780 auf. In Frankreich treten die wichtigsten seiner verwaisten Anhänger 1774-76 in Lyon zu mehreren Sitzungen zusammen, um die Lehre des Ordens zu präzisieren. Diese von Willermoz und Saint-Martin verfassten „ Conferences de Lyon“ sind neben dem „Traite de la Reintegration", den 1978 im Nachlass Saint-Martins entdeckten Manuskripten („Fonds Z“)261 und der Korrespondenz Willermoz’ die wichtigsten Quellen unserer Kenntnisse über den „Martinesismus“. Martines de Pasqually lehrte eine judeo-christliche Mystik, die in der Tradition der Gnosis steht.

Ursprünglich waren Gott, die Welt und die Menschheit in voller Harmonie.

Durch den Abfall Adams ging diese Einheit verloren. Das Ziel ist ihre Wiederherstellung. „Reintegration“ - Wiederherstellung der Einheit aller Wesen - ist das Schlüsselwort von Pasquallys Lehre. Das ganze alte Testament wird in symbolisch-kabbalistischer Weise gedeutet als Bild der verlorenen Einheit. Die geistige-jenseitige Welt ist bevölkert von zahllosen Wesen, guten und bösen Engeln („esprits majeurs“) und irdischen Geistern, Dämonen („esprits mineurs“), die alle die verlorene Einheit der Schöpfung verkörpern. Der archetypische Mensch, der Adam Kadmon der Kabbala, ist das eigentliche Produkt der Schöpfung und deckt sich mit dem griechisch-gnostischen Begriff des Logos. Pasquallys Lehre zeigt auch deutlich sexuelle Züge: der Mensch war ursprünglich androgyn, die Anziehung der Geschlechter ist ein Suchen nach dem verlorenen Einssein und der Phallus ist das Symbol der göttlichen Macht im Menschen. Ein weiteres Charakteristikum von Pasquallys Lehre besteht in der symbolischen Auffassung der Zahlen und Namen, der Zahlen und Namenmystik.

Die gesuchte Vereinigung mit dem Göttlichen geschieht bei Pasqually nicht nur durch mystische Versenkung. Die Verbindung mit der übersinnlichen Welt ist durch magische Praktiken herstellbar: Pasqually ist ein Theurg. Nur auf die höchsten Grade des Ordens beschränkt, nahm er magische Beschwörungen, „operations“ vor, für welche die unteren Grade lediglich eine Vorbereitung bedeuteten. Sie bestehen im Entzünden und Löschen von Lichtern, Betrachten von magischen Tafeln, begleitet von Anrufungen Gottes und übersinnlicher Wesen.

Liest man die überlieferten Instruktionen und Rituale, so nehmen sie sich zunächst wie Fortbildungen freimaurerischer Rituale aus, schreiten dann aber immer weiter fort bis zu eigentlich magischen Handlungen, bizarren Geisterbeschwörungen. Vieles ist später vom RSR in die Rituale aller Grade übernommen worden.

Diese Mischung von Magie, Mystik und Religiosität ist heute kaum mehr nachvollziehbar. Auch damals stieß sie bereits auf Widerspruch. Trotzdem sind vereinzelte Elemente aus den Ritualen der Elus Coëns noch heute im RSR nachweisbar, und zwar vom ersten Grade an und bis in die Instruktionen, etwa die Bedeutung, die im Ritual der Zerstörung des Salomonischen Tempels und dessen Wiederaufbau durch Zorobabel zukommt. Auch die Zahlenmystik lebt hie und da in den Ritualen fort. Vor allem aber hat die Verheißung einer stufenweisen Erlangung immer tieferer „Aufschlüsse“, immer neuer Geheimnisse auf lange Zeit Erwartungen geweckt, wie sie die symbolische Maurerei nie zu erfüllen beansprucht hat. Diese ungesunde Erwartungshaltung wurde später typisch für die Strikte Observanz und lebt z. T. noch heute fort. Fast alle Personen der damaligen Zeit waren ständig auf der Suche nach immer tieferen Einsichten und dauernd in ihren Erwartungen unbefriedigt. Dies gilt für Willermoz, Carl von Hessen, Diethelm Lavater (Eques ab Aesculapio) und die Meisten; sie traten deshalb auch immer neuen Systemen bei, und die geweckten Erwartungen wurden nicht selten von gerissenen Schwindlern zum eigenen Vorteil ausgebeutet.


Nach dem Tode des Gründers zerfiel der Orden rasch. Die meisten Logen schlossen sich anderen Hochgradsystemen an. Nur in Toulouse scheint er mehrere Jahre überlebt zu haben28’. Doch der Martinesismus war nicht tot. Er erhielt mehrere Fortsetzer in der Person von Louis-Claude de Saint-Martin und Jean-Baptiste Willermoz. Selbst der untergegangene Orden der Elus Coëns ist 1943 in Paris wiedergegründet worden.

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