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Traktat: Steinsymbol

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Das Steinsymbol in alter Zeit

Quelle: Euromason / Altea


Seit Beginn der Zeiten gibt es in der belebten Natur eine triebhafte Zeremonie der Absicherung vor einer Besitzergreifung, eine rituelle Handlung - wenn wir so wollen - im Tierreich unbewusst instinktiv vollzogen, beim Menschen ein archaischer Brauch. Die Biene umkreist die Blüte, bevor sie sich niederlässt, die Lerche umgeht das Gelege im Saatfeld, bevor sie sich darauf zum Füttern setzt, der Hund stapft witternd um sein Lager, ehe er sich zur Ruhe legt. Und der Mensch, der eine Heimstatt, eine Niederlassung, eine Siedlung gründet, misst in feierlichem Zuge das Feld umgehend die Grenze des Bezirks ab und schreitet festlich geschmückt zur Grundsteinlegung.

Manche Plätze laden mit geheimnisvoller Ausstrahlung zur Einkehr, Besinnung, zur Andacht und zur Verehrung der Allmacht ein. Fast verlangen sie danach, für einen heiligen Zweck ausgewählt, bestimmt zu werden. Bei den alten Kulturvölkern waren es immer schöne Plätze, naturgemäss mit weiter Sicht, oft auf das Meer, meistens aber lagen sie in den Bergen. Bis auf unsere Tage haben sich die alten Bräuche heidnischer Weiheumgänge erhalten, die Prozessionen an Fronleichnam, die Bittgänge um die Felder, die Wallfahrten auf beschwerlichen Wegen. Ja selbst die Fasnacht-Umzüge sind nichts anderes als jahrtausend alte Weihehandlungen.

Auch wir Freimaurer, die Kinder der Aufklärung, können uns der mystischen, also mit den Mitteln der Vernunft nicht erklärbaren Kraft nicht entziehen, die vor Beginn jeder Tempelarbeit den Raum erfüllen muss, wenn unsere Arbeit recht getan sein will. Allein steht der Meister an dem Ort, den er für die rituelle Weihestunde als geeignet ausgewählt hat. Er verneigt sich gegen Sonnenaufgang, entzündet dort ein Licht und umschreitet dann im Sonnenlauf das längliche Viereck, das nun eine vom irdischen losgelöste eigene kosmische Welt sein wird - so lange bis die gemeinschaftliche brüderliche, von Zeit und Raum gelöste Zeremonie durch das Erlöschen der Lichter wieder in den profanen Alltag übergeht.

Selten oder nie aber sind unsere Orte der maurerischen Versammlung natürliche Weiheplätze. Auch das Getriebe der unruhigen Stadt, in welcher wir notgedrungen unseren Tempel suchen und einrichten müssen, erschwert das Bemühen um Verinnerlichung. So lässt es sich wohl erklären, dass die junge Mannschaft in unseren Logen, die feinfühliger ist als es scheint, gelegentlich auf den überraschenden Einfall kommt, eine rituelle Arbeit in einer zerfallenen Kirchenruine, in einem nächtlichen Hain, auf einer Insel, auf einem Hügel, einem Fels einem Plateau oder gar in einem Steinbruch oder in einem Bergwerksstollen zu versuchen. Die Distanz vom Altgewohnten weitet das Urteil und lässt vielleicht das Schöne und Gute unserer maurerischen Lehre dann noch klarer verstehen. Doch das sind aussergewöhnliche Erlebnisse. Gewöhnlich müssen wir mehr mit der Kraft unserer Intuition, aus dem gemeinsamen Fühlen in der Bruderkette unser maurerisches Geheimnis erschliessen. Die alten Wechselgespräche im Ritual helfen uns dabei, immer wieder von neuem zu orientieren, während wir uns im Tempelraum mit Abbildern aus der Natur begnügen müssen. Ein an die Decke gemalter Sternenhimmel, und zu Füssen der Teppich, die "Arbeitstafel" mit den Werkzeugen, den mannigfachen und unterschiedlichen Symbolen der verschiedenen Systeme. Der heute in den Logen der AFAM verwendete Teppich ist einfacherer Art als jene in angelsächsischen Ländern. Viele stammen noch aus dem Schröder’schen Ritual und zeigen oft auch die drei Steinblöcke, den rauhen, den glatten und den zerbrochenen Stein.

Mit der Vorstellung eine Brücke in die Vergangenheit zu schlagen lasst uns diese ein wenig näher betrachten, lasst uns hinwenden zum Urgrund aller Dinge, zur Wurzel des Seins.

Alle Religionen sind sich in ihrer elementaren Betrachtungsweise einig, dass alles Leben aus Erde hervorgeht. Deutlicher kann man es unterteilen in brennbare und unbrennbare Materie oder in organische und mineralische Substanzen (wobei der Wasseranteil und die Zustände fest, flüssig, gasförmig unbeachtet bleiben mögen). Jedenfalls ist das, was an Körperlichkeit in der Natur bleibt, allein das Mineralische, der Stein, wenn auch in der Form des Staubes, der Asche - so wie die unzähligen Sterne letztlich irgendwann zu Stein und Staub werden. Nach unseren menschlichen Zeitbegriffen überdauert der Stein alles. Er ist das Zeitlose, Ewige, so das Göttliche. Je grösser der Stein, je höher der Berg, desto näher kommen wir dem Göttlichen. Warum steigt Moses zum Berg Sinai auf, wenn er mit dem Unendlichen Zwiesprache halten will? Wo thronen die Götter? Auf dem Olymp, dem Fujiyama, dem Popoca-Tepetl. Wozu bauten Menschen den Turm in Babylon, wozu Amerikas Ureinwohner ihre Sonnenpyramiden?

Laut I. Buch Könige (20,23) sagen die Syrer, der Gott der Juden sei ein Gott der Berge. Jerusalem liegt auf dem Berg Zion. Der Ölberg ist ebenso heilig wie der Karmel, ebenso wie bei den Kelten und Germanen die Michelsberge, Osterfelsen und Donnersberge Wohnsitz der Gottheit. In Notzeiten Rettung suchend und Schutz erflehend errichten sie Fliehburgen und Altäre auf den Bergen.

Doch mir kommt anderes in den Sinn: Der Stein, zeitlos an ein flüchtiges Dasein oder Geschehen erinnernd. So etwa der Stein des Gedenkens, der Grabstein. Wir kennen solche Steine, die schon seit 10’000 Jahren stehen, die errichtet wurden als es noch keine sesshaften Menschen gab, als der Ackerbau noch nicht betrieben wurde und der Mensch die Nahrung dort finden musste, wo die Natur sie ihm, dem Sammler und Jäger, gab. In den Steppen Asiens finden wir noch heute die gleichen runden Grabhügel und Steinsetzungen wie in Etrurien, in Britannien oder in unserer Heimat - steinerne Zeichen aus vielen Jahrtausenden allerorts in der Alten und Neuen Welt. Den Toten wurden bessere, beständigere und grössere Behausungen erbaut als den Lebenden. Ägypten mag als Musterbeispiel gelten. Sie waren es, die Hirtenvölker der Alten Welt, die wir als die Wiege der Steinverehrung erkennen müssen, Ureinwohner, für die niemand mehr einen Namen finden wird, weil sie keine Namen hatten. Die Ausstrahlung umherziehender Stämme aus Abessinien, Syrien und Arabien als Vorform der späteren Hochkultur Ägyptens wirken bis auf unsere Tage nach.

Im Anfang waren es wohl die Steinhaufen, dann die Megalithen, die grossen Einzelsteine, die Menhire, dann auch die Steingräber in Kisten- und Hausform, die Dolmen und Hünengräber. Wie beeindrucken uns als Zeugen des Altertums die bedeutendsten Riesengräber, die Pyramiden als steingewordene Gedanken des Fortlebens nach dem Tode - eine religiöse Idee, die das ganze Mittelmeer umfasst, Arabien und die ganze atlantische Küste bis hinauf in den hohen Norden. Seit dem Beginn der Bronzezeit, etwa um 1’600 v.Chr. finden wir solche Steindenkmale in Spanien, Portugal, Frankreich, Holland, Irland, England, Deutschland und Schweden. Denken wir an die Menhire mit den eindrucksvollen bärtigen Gesichtern auf Korsika, an die Steinreihen in der Bretagne bei Carnac, an die riesigen Steinkreise von Stonehenge bei Salisbury und von Avebury bei Wiltshire.

Aus dem Alten Testament, also einem der drei Grossen Lichter unseres Bundes, erfahren wir, dass für die Israeliten die Steine nur bis etwa 1’000 v.Chr. (also in die Zeit König Sauls) noch heilige erhabene Zeichen der Beziehung zwischen Mensch und Gott waren. Hierzu einige Textstellen:

„Früh am Morgen stand Jakob auf. Den Stein, auf dem er gelegen hatte, stellte er als Steinmal auf und goss Öl darüber, um ihn zu weihen.“
Dann nannte er diesen Platz „Haus Gottes“ und sagte:
“Hier an dieser Stelle, wo ich den Stein aufgestellt habe, soll dann ein Heiligtum für ihn errichtet werden.“(l Mose, Genesis 28)

Und einige Seiten weiter in Genesis 31:
„Da nahm Jakob einen grossen Stein und stellte ihn als Erinnerungszeichen auf. Er befahl seinen Leuten Steine zu sammeln und zu einem kleinen Hügel anzuhäufen. Auf diesem Hügel hielten sie ein gemeinsames Mahl. Laban sagte: Dieser Hügel ist Zeuge für unsere Abmachung. Und weiter sagte Laban zu Jakob: Dieser Steinhügel und dieses Steinmal, die ich zwischen uns errichtet habe, sollen uns warnen, dass keiner die Grenze zum andern in böser Absicht überschreitet.“

In 2 Mose 20 gibt Gott die Anweisung für den Altarbau.
„Wenn ihr aber einen Altar aus Steinen für mich bauen wollt, dürft ihr nur unbehauene Steine verwenden. Wenn der Stein mit dem Meissel in Berührung gekommen ist, ist er entweiht."

In 5 Mose 27 erfahren wir dann über die Beschriftung von Steinen mit dem Gesetzestext:
„Mose trat mit den Ältesten Israels vor das Volk und sagte: Achtet stets auf alle die Gebote, die ich euch heute gebe. An dem Tag an dem ihr den Jordan überschreitet, um in das Land zu ziehen, das der Herr, euer Gott euch geben will, sollt ihr grosse Steine aufrichten, sie mit weisser Tünche bestreichen und dieses ganze Gesetz darauf schreiben... Ihr sollt die Steine, nachdem Ihr den Jordan überschritten habt, auf dem Berg Ebal aufstellen und mit Tünche bestreichen. Dort sollt ihr auch einen Altar für den Herrn Euren Gott bauen. Er muss aus unbehauenen Feldsteinen errichtet werden, die mit keinem eisernen Werkzeug in Berührung gekommen sind. Auf die getünchten Steine aber müsst ihr klar und deutlich alle Bestimmungen dieses Gesetzes schreiben.“

Im Buch Josua 4 erfahren wir, welche Bedeutung der Stein als Erinnerungszeichen im Altertum haben konnte:
„Als alle Israeliten den Jordan überquert hatten, sagte der Herr zu Josua: Wählt 12 Männer aus, von jedem Stamm einen, und lasst sie 12 Steine aus dem Jordan holen, von der Stelle, wo die Priester stehen. Sie sollen die Steine mitnehmen und dort niederlegen, wo ihr das Nachtlager aufschlagt. Josua wählte 12 Männer aus, für jeden Stamm Israels einen. Er sagte zu ihnen: Geht vor der Bundeslade des Herrn Eures Gottes her in den Jordan und nehmt jeder einen Stein auf die Schulter. Wenn später eure Kinder fragen, was diese Steine bedeuten, dann berichtet ihnen wie das Wasser des Jordan versiegte, als die Bundeslade den Fluss durchquerte. Diese Steine sollen die Israeliten für alle Zukunft daran erinnern. Die Männer befolgten Josuas Anweisung und holten 12 Steine aus dem Jordan, für jeden israelitischen Stamm einen, wie der Herr es befohlen hatte. Sie trugen sie bis zum Lagerplatz und legten sie dort nieder. Josua stellte auch mitten im Jordan 12 Steine auf an der Stelle, wo die Priester mit der Bundeslade haltgemacht hatten. Die Steine sind noch heute dort. Die Priester blieben mit der Bundeslade so lange im Jordan stehen bis alles ausgeführt war, was der Herr dem Volk durch Josua befohlen hatte. Schon Mose hatte Josua diese Anweisung gegeben. Das Volk überquerte den Jordan am 10. Tag des ersten Monats und schlug sein Lager bei Gilgal an der Ostgrenze des Gebiets von Jericho auf. Dort stellte Josua die 12 Steine auf, die sie aus dem Jordan mitgenommen hatten und sagte zu den Israeliten: Wenn später eure Kinder fragen, was diese Steine bedeuten, dann erzählt ihnen, wie die Israeliten den Jordan trockenen Fusses durchquert haben.“

Interessant ist für uns auch der Ortsname Gilgal. Er bedeutet nichts anderes als „Steinkreis“! Dieser Ortsname betrifft aber nicht allein die hier bei Josua erwähnte Gründung zwischen dem Jordan und Jericho, er kommt auch an anderer Stelle in der Bibel vor. Im 5. Buch Mose steht:
"Wenn der Herr euer Gott euch in das Land bringt, das ihr jetzt in Besitz nehmen werdet, sollt ihr die Segens¬zusagen auf dem Berg Garizim und die Fluchdrohungen auf dem Berg Ebal ausrufen. Das sind die beiden Berge auf der anderen Seite des Jordans jenseits der Strasse, die durch die Jordan-Niederung führt, in der Nähe der heiligen Bäume bei Gilgal“.

Allem Anschein nach befand sich dort also ein heiliger Hain mit einer Steinkreissetzung, die wir uns so ähnlich wie in Stonehenge vorstellen dürfen. Im 2. Buch der Könige wird ein weiterer Ort Gilgal erwähnt. Dort wurde der Prophet Elia durch einen mächtigen Sturm in den Himmel geholt.

Bei Josua 24 gibt dieser dem Volk eine Rechtsordnung.
„Er schrieb alle ihre Bestimmungen in das Gesetzbuch Gottes. Dann nahm er einen grossen Stein und stellte ihn unter der Eiche beim Heiligtum des Herrn in Sichern auf. Seht diesen Stein, sagte er zum Volk, er soll unser Zeuge sein; denn er hat alles gehört, was zwischen dem Herrn und uns abgemacht worden ist. Er soll euch daran erinnern, damit ihr eurem Gott nicht untreu werdet."

Samuel stellte zwischen Mizpa und Jeschana ein Steinmal auf, lesen wir in seinem ersten Buch. "Bis hierher hat uns der Herr geholfen" sagte er. Darum auch nannte er den Stein "Eben-Eser", d.h. Stein der Hilfe. Wir ersehen daraus, dass ganz gewiss weltweit der Mensch des Altertums im Stein ein belebtes Wesen sah, das hören und sehen konnte und das sich wie kein anderer Körper als Mal des Gedenkens, des Erinnerns anbot. Das bestätigt uns auch die Schilderung über Absaloms Ende im 2. Buch Samuel.
„Die Männer Joabs warfen den Leichnam Abschaloms im Wald in eine tiefe Grube und schichteten darüber einen grossen Steinhaufen auf.“

Wir würden heute sagen:
"Sie errichteten ein Hügelgrab, so wie wir sie aus keltischer Zeit noch heute in unserer Gegend sehen können.

Und es heisst weiter:
„Schon zu seinen Lebzeiten hatte sich Abschalom im Königstal bei Jerusalem einen Gedenkstein errichten lassen“.(Schliesslich war Abschalom ja etwas Besonderes, der Sohn Davids und Kronprinz der Israeliten) Er hatte gesagt:
„Ich habe keinen Sohn, in dem mein Name fortleben könnte.“
Darum gab er dem Stein seinen Namen, und bis heute nennt man ihn Abschalom-Stein.

Zu König Salomos Zeiten freilich galt der Steinkult bereits als ein Greuel. So lesen wir bei Mose 3,26:
„Ich bin der Herr euer Gott! Darum dürft ihr euch keine Götzenbilder anfertigen. Ihr dürft in eurem Land keine solchen Bilder aufstellen oder anbeten, gleichgültig, ob es geschnitzte oder gegossene Standbilder oder Steinmale oder Steine mit eingeritzten Bildern sind.“
Und im 4 . Buch, Kap. 33:
„Wenn Ihr den Jordan überquert und ins Land Kanaan kommt, müsst ihr alle seine Bewohner vertreiben. Zerstört ihre steinernen und bronzenen Götterbilder und ihre Altäre!“

Wer weiterliest, begegnet einem Holokaust, einem Völkermord auf Geheiss von Moses. Doch es half wenig. Um 750 v.Chr. erinnert der Prophet Hosea an die alten Zeiten:
"Israel war wie ein üppiger Weinstock, der reiche Frucht trägt. Je reicher die Leute von Israel wurden, desto reichere Opfer brachten sie auf die Altäre. Je mehr der Wohlstand im Land wuchs, um so prächtiger schmückten sie die geweihten Steinmale. Aber mit dem Herzen waren sie nicht beim Herrn. Dafür trifft sie jetzt die Strafe. Der Herr selbst reisst ihre Altäre nieder und zertrümmert ihre Steinmale.“

Auch in unserem engeren Kulturkreis hielt sich die Steinverehrung trotz aller Verbote noch im Mittelalter. Die Konzilien von Arles im Jahre 452, von Tours 567, von Nantes 658,von Toledo 681 verbieten immer wieder aufs Neue den Kult der Steine - allem Anschein nach vergeblich. Noch 789 gibt ein Edikt Karls des Grossen, in Aachen erlassen, eine Anweisung zum Zerstören der Heiligen Steine. Aber es hat nicht gefruchtet. So stehen auch die Extern-Steine noch weiter.

Für uns Freimaurer hat der Stein seine geheimnisvolle Kraft behalten. Wie wir gelernt haben, ist er das eindrucksvolle Symbol der Arbeit des Menschen an sich selbst. Daher wird der unbehauene Stein in den meisten Systemen dem Lehrling zugeordnet. Er soll die Unebenheiten beseitigen, während der Geselle am glatten kubischen Stein seine geistigen Werkzeuge zu schärfen hat. Auch lässt sich erst der behauene Stein in das entstehende Bauwerk einordnen. In den jahrhundertealten Festungsmauern der Inkas sind die riesigen Steinblöcke fugenlos, aber so dicht ohne Bindemittel zusammengesetzt, dass wir keine Nadel in die Nahtstellen einschieben könnten.

Im Stein verbirgt sich aber auch Kraft. Der Mensch hat gelernt Feuer aus ihm zu schlagen. Der Stein begegnet uns als nährendes Salz in allen seinen Formen für Mensch, Tier und Pflanze als lebenserhaltender Nährstoff und als Heilmittel. Er wird zum glänzenden Metall und wir freuen uns an seiner funkelnden, edlen, kristallinen Schönheit. Stein, der Grundstoff unserer Erde. Die ganze Schöpfung liegt in ihm verborgen.

Das Gestein, der Fels heisst im Lateinischen "saxum". Das Wort kommt aus dem indogermanischen "sahas" und bezeichnet in etwa Stärke, Kraft, Festigkeit, Gewalt, aber auch Sicherheit und mächtiges Wesen. Ein anderes indogermanisches Urwort "steia" bedeutet hart und fest werden, und ist zugleich der Name für die Erde. Wir sagen Stein, die Angelsachsen "stone", "stena" die Slaven. Gemäss dem Duden heisst das alte germanische Wort für Stein/Fels andrerseits auch Hamar/Hammer! Unübersehbar sind die Formen des Steinkultes in allen Zeiten und bei allen Völkern. Der Forschung, wie der Spekulation und der Symbolik sind kaum Grenzen gesetzt. Die eine Erkenntnis jedoch wird sich für den Maurer, für den Arbeiter mit dem und am Stein immer auftun, nämlich dass Menschliches und Göttliches in ihm bildhaft vereint sind.

Zum behauenen, fertig geglätteten kubischen Stein sagt das Ritual nicht viel. Wenn wir das Mauerwerk in einer mittelalterlichen Burg betrachten, dann finden wir dort nicht nur die unterschiedlichsten Steinmetzzeichen eingeschlagen, sondern auch immer wieder halbkugelige daumenstarke Vertiefungen, die zum Transport und zum Hinaufheben der Steine gedient haben. Dazu wurden schon in der Römerzeit zangenähnliche Riesenkrampen verwendet, die sich beim Anheben mit dem Kran in die erwähnten Vertiefungen hineinkrallten. Dieses Krampengerät war früher in vielen Logen als Werkzeug ausgelegt. Im Französischen nennt man es "Louveton". Daraus wurde unser nur noch selten gebrauchter Ausdruck des "Lufton", mit dem man den Sohn eines Freimaurers bezeichnet. Im Englischen heisst das Wort "lewis".

Das Allerheiligste schon im Alten Testament, die Wohnstätte der Gottheit im Zentrum des Tempels wies die kubische Form auf (I. Könige, 6,20 und 2. Chronik 3,8). So auch die heilige Kaaba der Araber in Mekka, den grössten kubischen Stein, den wir kennen, ist ein ebenfalls kubischer schwarzer Meteor eingelassen. Er stellt dadurch die Verbindung unserer Welt mit dem Absoluten dar.

Und die frühen griechischen Philosophen zeichnen die Wissenschaft auf das Beständige, auf das Festliegende, auf den Kubus - und nicht auf die Erdkugel.

Schliesslich noch ein kurzes Wort zum zerbrochenen Stein, der den Meistergrad versinnbildlicht. Er ist heute nur im System der Grossloge „zu den 3 Weltkugeln“ zu finden. Ursprünglich und erstmalig wurde der zertrümmerte Stein von der Strikten Observanz eingeführt. Dort sah man in ihm die verschiedenen Schicksale und Änderungen, die jener Orden im Lauf der Zeit erlitten hat. Bei den „Drei Weltkugeln“ deutet er Mässigung und Meisterschaft im Gebrauch der Werkzeuge an. So deutet der mit einem Seil notdürftig zusammengehaltene Bruchstein auf die Vergänglichkeit alles Irdischen hin.

Die so unterschiedlichsten Steine liegen in gleichen Massen vor uns, jeder in seiner schönen Eigentümlichkeit. Es sanken aus schweren Quadern erbaute Städte im Orkan der Bomben in sich zusammensinken, alte ehrwürdige Dome gingen in Staub auf und dicke Betonmauern zerflossen wie Wachs. Was werden die nach uns kommenden Generationen von dem Unvorstellbaren noch wissen oder glauben? Der ewige Kreislauf von „Stirb und Werde“ heilt die Wunden und lässt bunte Blumen über die Narben der Natur wachsen. Mit neuem Mut und frischer Kraft nimmt der junge Maurer den rohen Stein, um einen neuen Bau schöner und beständiger zu machen als die Alten. Soll er dabei die Mahnung des zerbrochenen Steins wie eine Drohung beherzigen, sorgsam und weise mit den Werkzeugen umzugehen, auf dass der Bau nicht verderbe.

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