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Johann Amos Comenius

Aus Freimaurer-Wiki

Foto: Michal Maňas
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Comenius und die Freimaurer Sonderabdruck aus "Zirkelkorrespondenz" 1906
1. und 2. Heft
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Inhaltsverzeichnis

Comenius, Jan Amos

Quelle: Internationales Freimaurer-Lexikon von Eugen Lennhoff und Oskar Posner (1932)

(latinisiert aus dem tschechischen Komensky), * 1592 in Nivnitz bei Ungarisch Brod in Mähren, † in Naarden bei Amsterdam 1670, entstammte der Gemeinde der Bömisch-mährischen Brr. Früh verwaist, kam er 1608 auf die lateinische Schule der Brüdergemeinde Prerau, besuchte 1611 die später zur Universität erhobene Gymnasialschule in Herborn, schloß seine Studien 1613 mit einer Reise nach Holland und blieb dann ein Jahr in Heidelberg. Schon 1614 ist er Rektor der Brüderschule in Prerau, 1616 zum Priester geweiht und seit 1618 Priester in Fulnek. Er verfaßte mehrere erbauliche Schriften und erfreute sich großen Ansehens und großer Beliebtheit in seiner Gemeinde. Infolge der Schlacht am Weißen Berge 1621 verlor er Amt und Habe durch Plünderung 1624 durch die Vertreibung aller evangelischen Priester auch sein Asyl in Brandeis. 1628 mußte er sein Vaterland verlassen und fand Zuflucht in Lissa in Polen, wo er Leiter des dortigen Gymnasiums wurde. Seit 1632 war er Senior der Böhmisch-mährischen Brüdergemeinden.

Seine schulreformerischen Schriften hatten die europäische Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt. Besonders seine "Pansophia", die durch Vermittlung des in London lebenden Samuel Hartlib in Druck erschien, erregte Aufsehen, so daß er 1641, einer Einladung Hartlibs folgend, nach London reiste, wo sich das englische Parlament mit seinen erzieherischen Vorschlägen beschäfigte. Da aber das englische Projekt infolge der Revolutionswirren nicht zur Ausführung gelangte, führte ihn ein ergebener Freund, Ludwig de Geer, dem schwedischen Kanzler Oxenstierna zu, den er in Norrköping besuchte. Der Kanzler wies ihm als ruhigen Wohnsitz Elbing in dem damals schwedischen Gebietsteile Preußens an, wo Comenius in den Jahren 1642 bis 1648 in Ruhe seinen Arbeiten lebte.

1648 wurde er Bischof der Böhmisch-mährischen Brüder und nahm wieder Wohnsitz in Lissa von wo ihn der ungarische Fürst Rákoczy nach seinem Gute Saros-Patak berief, allwo Comenius eine höhere Musterschule einrichtete.

Er fand jedoch keine rechte Befriedigung, sein Gönner Rákoczy starb, und so kehrte Comenius im Jahre 1652 wieder nach Lissa zurück. Hier erschien in diesem Jahre das in Nürnberg verlegte Buch, das seinen Weltruhm vermehren half, der erste praktische Anschauungsunterricht, der "Orbis sensualium pictus" (1658). Im April 1658 eroberte und zerstörte ein polnisches Heer das von den Schweden besetzte Lissa Comenius verlor sein ganzes Hab und Gut, darunter fast alle seine Handschriften, und flüchtete nach Hamburg, wo er zwei Monate krank lag, dann zum Sohne seines Freundes de Geer nach Amsterdam. Hier endlich fand er Ruhe und konnte mit Unterstützung reicher Freunde, wie Lorenz de Geer u. a, an eine Herausgabe seines Gesamtwerkes schreiten. Er starb in Naarden und wurde dort am 22. November 1670 beigesetzt.

Seine Begräbnisstätte hat ebenso wechselvolle Schicksale erfahren wie der lebende Comenius. Erst nach dem Weltkriege erinnerte man sich der verwahrlosten, unter einem Wachzimmer gelegenen Grabstätte. In Zusammenarbeit mit den holländischen Behörden ließ die tschechoslowakische Regierung die Gebeine ihres größten Landsmannes heben und in einer würdigen Kapelle beisetzen, die durch Schenkung der holländischen Regierung in den Besitz der Tschechoslowakischen Republik übergegangen ist.

Die Zahl der Schriften von Comenius wird mit 142 angegeben.

Seine Hauptwerke sind:

"Janua linguarum reserata" (1631), (http://www.books.google.com/books?id=jRFAAAAAcAAJ)
"Didaetica magna" (1632),
"Pansophiae prodromus" (1639),
"Orbis pictus" (1658), (http://www.books.google.com/books?id=78k_AAAAcAAJ)
"Panegersia" (1662),
"Unum necessarium" u. v. a.

Comenius dringt in seinen didaktischen Schriften vor allem auf naturgemäße Erziehung, auf Anschauung der Welt, nicht auf Belehrung durch die Schriften alter und neuer Gelehrter, er predigt besonders in seiner "Panegersia" eine weitherzige Humanitätslehre, friedliche Verständigung der Kirchen und Nationen, Erziehung des Menschengeschlechtes zu seinen höheren Zwecken durch Schulung, Verständnis und unmittelbare Erkenntnis der Dinge.

Beziehungen des Comenius zur Freimaurerei sind gegeben durch seine ausgeprägte Humanitätslehre. Hartlib und er trugen sich mit der Absicht, eine Gemeinschaft von Menschen zu bilden und, wie er in der während seines Londoner Aufenthaltes entstandenen Schrift "Via lueis" (1642) es ausdrückt, alle Kollegien, Genossenschaften und Bruderschaften zu sammeln und ein allgemeines Kollegium unter den Gebildeten des ganzen Erdkreises aufzurichten. In diesen Schriften verwendet Comenius nun zahlreiche Gleichnisse, die mit dem Symbolinhalt der Freimaurerei vollkommen übereinstimmen. Er spricht von einem Templum sapientiae, vom höchsten Baumeister der Welt u. a. m. Besonders gerne wird als Zeichen der geistigen Verwandtschaft zwischen Comenius und der Freimaurerei das Titelbild der 1644 erschienenen Schrift "Pansophiae Prodromus" herangezogen, das eine königliche Frauengestalt zeigt, zu deren Füßen Zirkel, Winkelmaß und ein Buch liegen.

In einer sehr schönen Arbeit hat Vonka ( "Drei Ringe", Jahrgang 1927, pag. 131) 33 Beweisstücke zusammengetragen, die, wenn nicht für das Freimaurertum des Comenius, so doch für seine geistige Verwandtschaft Beweise erbringen.

Comenius einfach als Freimaurer zu bezeichnen, geht wohl zu weit. Er hat den Gedanken eines weltumspannenden Humanitätsbundes gepflegt und ausgesprochen, der später im Freimaurerbund die Comenius selbst versagte, Erfüllung gefunden hat.

Das verbindet ihn mit der Freimaurerei. Außerdem hat Comenius Gedanken ausgesprochen und vertreten, die dann zur Zeit der Gründung der Großloge von England in gebildeten Kreisen Englands lebendig genug waren, um der Verfassung der ersten Großloge ihren unverwischbaren Stempel anzuprägen. Wenn es also auch historisch schwer fällt, Comenius in die Freimaurerei hineinzudenken, so fällt es anderseits ebenso schwer, sich eine vom Humanitätsgedanken erfüllte Freimaurerei ohne Comenius vorzustellen.

Die übereinstimmung der freimaurerischen "Alten Pflichten" mit den Satzungen der Böhmischen Brr. die Comenius 1616 und 1649 verfaßte, hat bereits Krause (1810) erkannt. Auf seinen Zusammenstellungen fußte Dr. Ludwig Keller (s. d.) in seiner Schrift "Die Schriften des Comenius und das Konstitutionenbuch". Bei der Schwierigkeit der Materie (ein großer Teil der in Betracht kommenden Schriften des Comenius ist in tschechischer Sprache verfaßt) konnte nur ein tschechischer Sachverständiger neue Ergebnisse zeitigen.

Der bereits oben erwähnte R. J. Vonka hat im Jahre 1931 eine Schrift in tschechischer Sprache erscheinen lassen: "Staré Povinnosti svobodaych zednaruv", "Die alten Pflichten der Freimaurer" (in der linihovna zednarcké Literatury, Band III, Prag), in der er den Text der Alten Pflichten in englischer, deutscher und tschechischer Sprache den Originalstellen aus den Schriften des Comenius gegenüberstellt. Die Übereinstimmung ist in vielen Punkten eine verblüffende. An einzelnen Stellen ist sie sogar wortgetreu! Durch die Untersuchungen Vonkas wird es immer deutlicher, daß der oder die Verfasser der Andersonschen Konstitutionen die Schriften des Comenius zumindest gut gekannt haben müssen. Selbst wenn man zugibt, daß die Gedanken des Comenius zu jener Zeit gewissermaßen in der Luft lagen, wird man an dieser auffälligen Übereinstimmung nicht vorbeigehen können.

Die Schriften des Comenius und das Konstitutionenbuch

Nach den Forschungen Karl Christian Friedrich Krauses.

Von Ludwig Keller, veröffentlicht in den Monatsheften der Comenius-Gesellschaft am 15. Mai 1906

Das neuenglische Großlogen-System, das sich seit 1717 unter dem neuen Namen der Society of Masons ausbreitete, hat sich im Jahre 1723 ein Grundgesetz oder eine Konstitution gegeben, die die eigentliche Grundlage und das Gesetzbuch aller Organisationen geworden ist, die sich unter dem Namen der Society of Masons zusammenfanden. Diese Konstitution von 1723, die im Jahre 1738 eine wichtige Neubearbeitung erlebte, ist trotz mancher nachmaligen Überarbeitungen im wesentlichen die gleiche geblieben und hat ihren grundlegenden Charakter behauptet.

Indem die Stifter der neuen Lehrart - der Hauptanteil gebührt dem Dissenter-Prediger James Anderson und dem reformierten Geistlichen Theophile Desaguliers - das Grundgesetz im offenen Druck herausgaben, beschritten sie in einem der wichtigsten Punkte ihres Unternehmens, nämlich in der Kennzeichnung ihrer letzten Ziele, den Weg der Öffentlichkeit und unterbreiteten ihre Sache der Beurteilung der gesamten öffentlichen Meinung. Unzählig sind infolgedessen die Äußerungen aller Parteien, die seit zwei Jahrhunderten über die Konstitutionenbücher von 1723 und 1738 laut geworden sind, und nicht wenige Forscher haben sich mit der wichtigen Frage beschäftigt, aus [- 126 -] welchen Quellen die beiden englischen Geistlichen die Ansichten und Überzeugungen, die sie im Namen der Brüderschaft der Öffentlichkeit vorlegten, geschöpft haben.

Es ist ganz natürlich, daß die englischen Forscher der letzteren Frage am wenigsten näher getreten sind; für sie war die Überzeugung von der Originalität der englischen Verfasser naheliegend und sie durften keineswegs hoffen, dem Selbstgefühl ihrer Landsleute den Gedanken wahrscheinlich zu machen, daß Anderson und Desaguliers ihr Grundgesetz im Anschluß an die Schriften von Ausländern entworfen hätten. Das ging soweit, daß sie selbst gut begründete Ansichten außerenglischer Forscher, die die geistige Abhängigkeit der beiden Engländer von Ausländern behaupteten, einfach ignorierten oder, wo sie sie nicht ignorieren konnten, ohne weitere Begründung zu den Akten legten oder anzweifelten.

Und doch würde es aller Erfahrung und allen geschichtlichen Analogien widersprechen, wenn man die absolute Originalität des von Anderson geschaffenen Werkes annehmen oder behaupten wollte. Aber eine solche Annahme widerspricht auch der ausdrücklichen Erklärung der beteiligten Männer selbst, die mit Bestimmtheit ausgesagt haben, daß, wie sie sich ausdrückten, "alle wesentlichen Pfeiler und Säulen des Baues", den sie aufrichteten, bereits von ihnen vorgefunden worden sind, und daß sie mithin den Wunsch hegten, nicht als Stifter einer ganz neuen Sache zu gelten. Und haben nicht alle Nachfolger diesem Wunsche dadurch Rechnung getragen, daß jenen Männern niemals die Ehren zu teil geworden sind, die durch Erinnerungsfeste oder ähnliche Kundgebungen allen Ordensstiftern erwiesen zu werden pflegen?

Einer der besten Kenner der Schriften des Comenius einerseits und der Entstehungsgeschichte des neuenglischen Großlogen-Systems andererseits, die wir überhaupt besitzen, nämlich der als Historiker wie als Philosoph gleich ausgezeichnete Karl Christian Friedrich Krause hat in seinem berühmten Werke "Die drei ältesten Kunsturkunden der Freimaurerbrüderschaft" (1. Aufl. 1810, [- 127 -] 2. Aufl. -1820/2l) dieser Frage eine eingehende Untersuchung gewidmet, deren Ergebnis ist, daß die beiden englischen Geistlichen sich in wichtigen Punkten an die Schriften des Comenius angelehnt haben.

Dieses Ergebnis Krauses hat seit nunmehr bald hundert Jahren die Zustimmung fast aller seiner Nachfolger, die sich mit dieser Frage beschäftigt haben, gefunden, bis ganz, neuerdings in einer Schrift W. Begemanns eine Stimme laut geworden ist, die alles bestreitet. Es scheint uns unter diesen Umständen zweckmäßig, die bezüglichen Ausführungen Krauses von neuem bekannt werden zu lassen und eine erneute Prüfung seiner Gründe zu erleichtern. Es seien zunächst einige allgemeine Bemerkungen vorausgeschickt.

Wunderlicherweise haben einige Kritiker, die sich mit dieser Sache beschäftigt haben, der Ansicht Ausdruck gegeben, daß Krause und alle die, welche seine Beweisführung für zutreffend halten, Beziehungen des Comenius zu den Freimaurern behaupten oder annehmen.

Krause wußte so gut wie seine heutigen Nachfolger, daß es ein grobes Mißverständnis wäre, etwas derartiges zu behaupten; denn der Name Freimaurer und die "Gesellschaft der Freimaurer" ist erst mit dem Jahre 1717, also längst nach dem Tode des Comenius aufgekommen, und die also benannte Großloge und ihre Mitglieder sind nicht älter als 1717. Man streut daher lediglich den Unkundigen Sand in die Augen, wenn man Krause in einem Sinne, den er nie gemeint hat, die Behauptung in den Mund legt, daß Comenius Beziehungen zu den Freimaurern besessen habe. Wer sich mit diesen schwierigen Fragen nicht eingehend beschäftigen kann, der sollte darin überhaupt nicht öffentlich das Wort ergreifen.

Comenius gehörte seit seinem Aufenthalt in England zu dem großen Freundeskreise, der sich in London seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts um den Erbauer der Paulskirche, das berühmte Mitglied der Royal Society, Christoph Wren (geb. 1632), gesammelt hatte. Zahlreiche Briefe, die Comenius mit den Mitgliedern dieses Kreises gewechselt hat, ergeben die innige Geistesgemeinschaft, in der Comenius, der gleichzeitig von den rechtgläubigen Theologen aller Kirchen heftige Anfeindungen erfuhr, gerade mit diesen Männern gestanden hat. Als des Comenius Pansophiae Praeludium (Vorspiel der Pansophie) durch Vermittlung Samuel Hartliebs zu Oxford im Druck erschienen war, die im [- 128 -] Kreise der Brüder - diese Freunde pflegten den Brudernamen zu gebrauchen- lebhafte Zustimmung fand, erhob sich unter den Theologen ein Sturm der Entrüstung. Comenius selbst erzählt uns, daß die gesetzliche Vertretung der Unität, der er angehörte, die Synode, ihn zur Rechtfertigung aufforderte; selbst hier, in der tolerantesten aller damaligen Religionsgemeinschaften, hatte die gegen ihn erhobene Anklage Glauben gefunden, daß er "das Göttliche mit dem Menschlichen, das Christentum mit dem Heidentum, die Finsternis mit dem Lichte vermenge". Der Zweck des "Vorspiels der Pansophie" war, nach der Absicht und den Worten des Comenius, zu verkünden, daß die Zeit gekommen sei, einen mächtigen "Tempel der Weisheit zu erbauen, der dem Heil der Menschheit dienen solle."

Wenige Jahre nach dem Erscheinen dieser Schrift verfaßte Comenius eine andere ähnlichen Inhalts über die "Verbesserung der menschlichen Dinge", deren erster Teil unter dem Namen Weckruf (Panegersia) seit dem Jahre 1666, wo er im Druck erschien, in England, den Niederlanden und Deutschland sehr bekannt geworden, ist; noch im Jahre 1702 ist eine neue Ausgabe herausgekommen. Als Krause diese Schrift gelesen hatte, drängte sich ihm die Überzeugung auf, daß der englische Dissenter Anderson die Schrift seines böhmisch-deutschen Glaubensverwandten gekannt haben müsse. Hören wir nun Krause selbst:


"Die besten Aufschlüsse über des Comenius Plan zu Verbesserung der menschlichen Gesellschaft gibt seine Panegersia, welche im Jahre 1702 lateinisch erschienen ist; allein diejenigen Stellen, welche mit dem neuenglischen Konstitutionenbuche wörtlich, und gerade in den entscheidendsten Wörtern und Sätzen, einstimmen, sind in den Operibus didacticis, das ist: in dessen Lehrkunstschriften, zu finden.

Hinsichtlich der Panegersia oder Allerweckung verweise ich auf meinen vollständigen Auszug dieser Schrift, den ich im Tageblatte gegeben, und folge hier nur dem Hauptinhalte dieser merkwerten Schrift, indem ich aus meinem Auszuge die Grundgedanken derselben aushebe, und diejenigen Stellen besonders auszeichne, welche die Uebereinstimmung der Gedanken und Pläne des Comenius mit denen, welche die neuenglische Großloge zu London seit dem Jahre 1717 in allen [- 129 -] ihren Konstitutionenbüchern als Grundgesetz der Masonei aufgestellt hat, augenscheinlich dartun.

Gleich anfangs erklärt Comenius im Vorberichte: er habe die Absicht, Rat zu geben, wie die menschlichen Dinge allgemein, durch umfassendere und kräftigere Mittel, verbessert werden können. Er rate, daß Alle sich vereinen, um allen Verderbnissen abzuhelfen; und beweise, daß dieses geschehen könne. Diese Sache sei so wichtig, daß es besser sei, tausendmal die Absicht zu verfehlen, als sie nicht tausendmal zu versuchen. - Was Alle angeht, sollen Alle betreiben, wenigstens wissen. Das Licht solle im Namen unseres ganzen europäischen Vaterlandes den übrigen Völkern angetragen werden.

Vorzüglich bewegen ihn zum Reden die in Europa mehr als sonst wo vorkommenden Bestrebungen seiner Zeit, die etwas Bewundernswürdiges gebären wolle, und sich zum Bessern anschicke. Es sei daher Zeit, etwas ganz Allgemeines zu versuchen. - "Es steht", sagt er, "dieser Welt ihre Katastrophe schon bevor in dem Schauspiele der göttlichen Weisheit auf Erden, und eine allgemeine Reformation aller Völker ist künftigen Zeiten aufbehalten. Kein Einzelner darf wegen allgemeiner menschlicher Irrtümer geschmähet werden. Lehren bedeutet anleiten - eine milde, liebreiche Handlung.

Die Menschen sind zu ruhiger geselliger Beschauung der Wahrheit einzuladen, damit diese mit ihren tiefsten Wurzeln sanft in sie dringe. Ich will mich also bemühen, von da auszugehen, wo uns keine entgegengesetzte Meinung entzweit, oder einander verdächtig macht; daß selbst ein Jude, Türke, Heide, umsomehr wir, durch was immer für Meinungen geteilte Christen, ungekränkt diese Schrift lesen möge. - Mein Vorhaben ist: dem Menschengeschlechte sein ganzes Heil (Gut) zu zeigen (omne suum bonum). Ich unternehme das Größte, was es unter dem Himmel gibt, was alles Menschliche betrifft, und alle Menschen angeht, in allseitiger Hinsicht für diese und für das zukünftige Leben.

Ich will die Menschheit aus ihrem Schlafe wecken. "Dich, o Ewiger, rufe ich an zum Zeugen, daß ich mich seit Jahren geängstet habe, ob ich das, was mir hierüber immer lichter wurde, unterdrücken, oder offen bekennen sollte: doch deine Kraft in mir überwiegt, welche selbst wider Willen hinreißt, und nach sich zieht."

Der unglückliche Zustand der Menschen zwingt, auf Rettung zu denken, sich gesellig zu beraten, sich zunächst mit dem Gemüte zu vereinen, und sich schriftlich einander mitzuteilen. - Menschliche Dinge sind die, so zur Erhabenheit der menschlichen Natur, zum Ebenbilde Gottes gehören, und sich auf Verstand und Vernunft, auf den Willen und die auf alles sich erstreckenden wirksamen Kräfte (facultates) gründen: Philosophie, als das Streben nach Weisheit; Religion, als die Verehrung und der Genuß des höchsten Gutes; und Staatkunst (politia), als das stete Streben, sich gesellig so zu vereinigen, daß sich Alle durch ihre Tätigkeit nicht hindern, sondern fördern. Dieses sind die höchsten menschlichen Werke, alles andere nur Beiwerke; ihre Früchte sind: Weisheit, Frömmigkeit des Herzens und Gottes Wohlwollen und Friede und Ruhe des Lebens.

Ohne diese Drei, Bildung der Vernunft, Religion und Staatkunst, ist der Mensch Unmensch; alles andere ist ihnen, wie kleinere Teile den größeren, wie Mittel zum Zweck, unterzuordnen. Nach Gottes Absicht sollte diese Welt eine Schule Gottes voll Lichtes, ein Tempel Gottes voll Andacht, ein Reich Gottes voll Ordnung und Gerechtigkeit sein. [- 130 -] Allein die Menschen suchen sich außer sich, die Dinge über sich, Gott unter sich; denn sie suchen und erdichten sich einen Gott, nicht von dem sie, sondern der von ihnen abhänge als Diener ihres Gelüstes. Jene Drei, die vereint das göttliche Ebenbild ausmachen, und den Menschen vollenden, sind bei den Meisten in unseliger Trennung; und die, so sich alle Mühe geben, in einem von jenen Dreien vortrefflich zu sein, stimmen auf keine Weise unter sich überein. -

Von den vier Hauptsekten der Erde, der jüdischen, christlichen, muhamedanischen und heidnischen, teilt eine jede sich wiederum in mehrere Sekten. Und keine unter ihnen ist mit sich selbst so uneinig, als die, die sich des meisten Lichtes erfreut, oder sich wenigstens zu erfreuen rühmt, - die christliche. Warum sollten aber die Menschen die Hochachtung, welche sie irrend dem mit einem Schimmer von Wahrheit verdeckten Irrtume, sündigend dem mit dem Scheine des Guten geschminkten Bösen, weihen, nicht viel mehr noch dem wahren Wahren und dem wahren Guten widmen, wenn sie es nur anerkenneten?

Zur Ausbildung des Menschen gehört die Wissenschaftliche Erkenntnis der Sprachen, als der Dolmetscher der Geister. Allein uns fehlt noch gänzlich eine allgemeine Sprache als gemeinsames Band für unsere größte Gesellschaft, oder Genossenschaft (maximi collegii), welches das über die ganze Erde verbreitete Menschengeschlecht ist. Alle Volksprachen, keine einzige ausgenommen, sind verworren, unvollkommen, dunkel barbarisch; keine genüget dem Umfange der Dinge, und dennoch kann keine von irgend Jemanden je völlig verstanden, oder behalten werden. Was die Staatkunst betrifft, so ist es die höchste Kunst, den Menschen regieren; allein dies kann nur durch das Recht, und durch das, was nach dem Richtmaß (ad normam) ist, geschehen, und von solchen, die zuförderst sich selbst zu regieren verstehn, und den Menschen nicht als Mittel zu ihren eigennützigen Zwecken mißbrauchen Regieren ist nicht zwingherrschen, und geschiehet nicht mit Schlägen, Fesseln, Stricken, Schwertern usw., dergleichen man gewöhnlich anwendet. "So ist alles erfüllt mit Sardanapalen, die sich nicht der Regierung, sondern der Wollust ergeben, mit Nimroden, die ohne Gesetz regieren, oder mit Macchiavellisten, die des Gesetzes Kraft mit List vereiteln, und so nach gemalten Gesetzen herrschen."

So ist in den menschlichen Dingen nichts heil, weil der Zustand der Wissenschaft, des Staates und der Religion durchs ganze Menschengeschlecht verdorben ist. Die meisten Menschen, ja in einigen Erdteilen ganze Völker, leben, ohne Kenntnis Gottes, ihrer selbst vergessen, ihrer Menschlichkeit (ihres Menschtumes, humanitatis) unbewußt, wie die Tiere des Feldes, ein wahrhaft viehisches Leben. - Wie müssen wir in Gottes Augen erscheinen? Wie tief sind wir von der ewigen Harmonie herabgesunken!'

Immer haben sich dennoch die Menschen über die Verbesserung der menschlichen Dinge beraten. Dahin zielten die Bestrebungen der weiseren Menschen aller Zeiten, ja selbst die allgemeine Menge strebt bewußtlos dahin. Vieles ist dafür auch durch die Erforschung der Wissenschaft, das ist durch die Philosophie, Vieles auch durch die gelehrten Gesellschaften, die öffentlichen Lehrämter auf Schulen und [- 131 -] Universitäten, die durch die Buchdruckerei beflügelte Literatur, die nie versiegende Leselust, geschehen, und die neuen Lehrmethoden haben vieles Gute bewirkt. Auch in den Staat- und Religionsverfassungen ist dieses Streben in den entgegengesetztesten Richtungen nicht zu verkennen. Obgleich alles dies unsere Krankheit vermehrt hat.

Dennoch dürfen wir unserem Unglücke nicht unterliegen. Könnte den Menschen ihr ganzes wahres Gute gezeigt werden, könnte man die wahren Mittel angeben, die gelähmten Kräfte befreien, so würde eine wahre Philosophie, Religion und Staats Verfassung gefunden werden. "Die Welt (die Erde) ist natürlich Ein Ganzes, warum sollte sie es nicht geistlich (moraliter) werden? - Wir Alle leben ja auf Einem gemeinsamen Wohnplatze, Ein Lebenshauch durchglüht uns Alle; wir sind Alle Mitbürger Einer Welt: was will uns wehren, in Ein Gemeinwesen, unter dieselben Gesetze uns zu versammeln? - Da nun der Eine Schöpfer und Regierer der Welt, Gott, nicht abläßt, sich von Tage zu Tage die Welt ihm selbst offener und durchgängiger zu machen, was wehrt uns, zu hoffen, es werde endlich geschehen, daß wir Alle Ein wohlgeordneter, durch dieselben Bande derselben Wissenschaften, Gesetze und Religion wohlverbundener Verein werden? - Diese Hoffnung unterstützt die Allen gemeinsame, menschliche Natur unserer Betrachtung der göttlichen Güte. So laßt uns denn Diener der göttlichen Güte sein! - Schon jetzt sind wir verbunden, alles Wahre und Gute Jeden zu lehren, alles Falsche und Schlechte aber zu entbehren. Gott hat auf unser Mitwirken in unserer Angelegenheit gerechnet. Was für unseren Gebrauch bestimmt ist, das wird nicht ohne uns bestimmt und angeordnet, und Gottes Wirkung schließt vermittelnde Kräfte nicht aus. Da wir nun wissen, daß die Zeit der Wiedergeburt da ist, so laßt uns mutvoll mit Gott aufstreben. - Gott regiert jede Kreatur durch sie selbst. Die göttliche Vorsehung erstreckt sich nur so auf den Menschen, daß der Mensch, auf Gott vertrauend, die Mittel gebrauche, und die Mittel gebrauchend, auf Gott vertraue; daß in Allem, was den Menschen angeht, der Mensch nichts vermag ohne Gott, und Gott nichts will ohne den Menschen. Man wendet ein: Jeder für sich, Gott für Alle; vielmehr: Wenn Gott für Alle sorgt, so sollen wir es auch; denn wir sind Gottes Ebenbild."

Die Menschen und alle menschliche Dinge in Harmonie zu bringen, hat uns Gott einen dreifachen, leichten, angenehmen, offnen Weg gezeigt: den Weg der Einheit, der Einfachheit (Einfalt) und den Weg der Freiwilligkeit (viam unitatis, simplicitatis, et. spontaneitatis).

Eins (einig) nennen wir, was in allen seinen unter sich wohlverbundnen Teilen so zusammenhängt, daß, wenn das Ganze sich bewegt, alle seine Teile sich bewegen. Einfach ist, was innerhalb sein selbst nicht aus Mehreren besteht, daher sich allseits ähnlich, selbstgenügend, unveränderlich ist. Freiwillig ist, was durch seine eigene Bestimmung (Selbstbestimmung), das ist frei, nach eigner Neigung, wird oder wirkt. Dem Einen ist die getrennte Vielheit, dem Einfachen das Zusammengesetzte, dem Freiwilligen das Gezwungne entgegengesetzt. So ist denn meine Meinung, wir sollen von der getrennten Vielheit zur Einheit, von den vielen Verwirrungen zur Einfachheit, von den Gewalttätigeren zu der angeborenen Freiheit zurückkehren.

Die Einheit und die auf sie gegründete Vereinigung ist das Ebenbild der Gottheit. Denn Gott ist Ein Wesen und doch Alles, er [ - 132 -] ist Alles und doch Eines. Eins ist er seiner Wesenheit nach; Alles seinen Eigenschaften nach. Als er alle Dinge außer sich entfaltete, so verband er doch Alles in Eine Ordnung, daß im Weltall Alles mit seinem Ganzen verbunden sei und ihm diene. Daß aber unter den Menschen eine allgemeine Einheit und mitteilende Vereinigung bestehe, dazu hat Gott selbst den unerschütterlichen Grund gelegt durch die Gemeinsamkeit seines Ebenbildes und die Vereinigung unser Aller auf einem in sich abgeschlossenen Wohnplatze des Himmels. Dieses legt uns die wesenliche Verbindlichkeit einer vollkommnen Vereinigung und mitteilenden Wechselwirkung auf. - "Siehe, so wollte Gott, der Einer Alles ist, daß wir, sein Bild, Alle Einer seien."

Die Einfachheit heißt mit Recht eine Spur Gottes. Denn sowie Gott einfach, reine Macht, Weisheit und Güte ist, so sind auch seine Werke ganz einfach in Betracht auf ihn und auf uns. Und weil der Mensch selbst das vollendetste Werk Gottes ist, so ist in ihm nicht bloß eine Spur, sondern ein Ebenbild der göttlichen Einfachheit wirklich, daß er von außen so wenig als möglich abhänge, sich selbst nächst Gott genug sein möge, daß er des Geistes Auge in sich habe, womit er Gott erkenne und Alles anschaue und im Urteilen von wo anders her nicht abhänge: daß ferner der Mensch, Gott ähnlich, mit Freiheit wolle, aber gezwungen werden nicht wolle; daß endlich dem Menschen Inkräfte verliehen sind, womit er das seiner Natur Angemessne bewirke, das ist, was er einsieht und will, ausführe.

Freiheit ist der Charakter der Gottheit, welchen Gott seinem Ebenbilde, dem Menschen, eingedrückt hat, daß er in den mannigfaltigen freien Handlungen desselben, als seines Nachbildes, sich selbst, als das Urbild mit Wohlgefallen beschaue. Gott erinnert den Menschen, Gutes zu tun, aber er zwingt ihn nicht; und sowie er selbst der menschlichen Natur keine Gewalt antut, so ist es ihm zuwider, wenn derselbe wo anders her Gewalt leidet.

Wir müssen daher auf den wahrhaft königlichen, ja göttlichen, öffentlichen, noch unversuchten Weg des Lichts, des Friedens und der Sicherheit zurückkehren, auf den Weg der Einheit, Einfachheit und Freiwilligkeit Der Weg der Einheit und Allgemeinheit (der Allumfassung, universalitatis) wird uns lehren, Alles unter sich zu verbinden, was verbunden werden soll, das ist: Alles in Allen, auf alle Weise. Alles, denn alles Einzelne steht in wesenlichem Zusammenhange, und das einzelne zurückgelassene Verdorbene bleibt sonst ein Samen der Krankheit. In Allen, denn wir Alle sind Ein, in allen seinen Gliedern zusammenhängender Leib; unverbesserte einzelne Glieder würden also dem Ganzen verderblich bleiben; und nur wenn die Verbesserung alle Menschen umfaßt, nur dann kann der Parteigeist ausgerottet werden, und Ein Ganzes würde uns Alle vereinen. Auf alle Weise, denn wir müssen uns aller Mittel bedienen, um die Verbesserung auf einen allumfassenden, unerschütterlichen Grund zu erbauen - Der Weg der Einfachheit, wird uns lehren, daß Keiner etwas bejahe, außer das offenbar Wahre, noch etwas leugne, außer das offenbar Falsche; daß Niemand etwas billige, außer das offenbar Gute, nichts mißbillige, außer das offenbar Schlechte; daß Jeder nur Das unternehme, dessen Notwendigkeit, Möglichkeit und Ausführbarkeit er einsieht, und nichts aufgehe, was er nicht für unmöglich oder unausführbar erkannt hat. So werden wir, von dem Umfange nach [- 133 -] dem Mittelpunkte gehend, uns sammeln, und zuerst uns selbst erkennen, regieren, vor uns selbst sichern. Der Weg der Freiwilligkeit endlich sucht zu erlangen, daß die Menschen aus eignem Antriebe das Wahre erkennen, das Gute wollen, das, was zu tun ist, tun. Denn süß ist das Licht und den Augen ergötzlich (Eccl. 11, 7), und die Freiheit kann nur dann der Menschheit wiedergegeben werden, wenn die Finsternisse vor den Augen zerstreut sind. Was auch nach den Grundsätzen der Allgemeinheit und Einfachheit zusammengesetzt sein möge, ohne Freiwilligkeit bliebe es eine tote Maschine.

Dieser neue Weg wird den heutigen Philosophien, Religionsbegriffen und Staatverfassungen nicht zur Zerstörung gereichen; denn er strebt Nichts aufzuheben, sondern Alles zu vervollkommnen, er strebt nach Vereinigung des Wahren, des Guten, der Bestrebungen. Wenn wir auf dem Grunde der allen Menschen gemeinsamen Urbegriffe, Urtriebe und Urkräfte ein Ganzes des Wissens würdigen, des Begehrungwürdigen und Auszuführenden bilden, so hat davon Philosophie, Religion und Staat nichts zu fürchten. Denn des Wahren, Guten und Sichern kann auf diesem Wege nichts untergehn, sondern nur alles in Einen gemeinsamen Schatz vereiniget werden.

Jedes vernunftgemäß zu unternehmende wichtige Werk setzt einen Entwurf und gesellige Beratung voraus. Es sind also zuvörderst zuverlässige Gesetze für diese Beratung aufzustellen

Werden diese allgemeinen Grundgesetze auf die von mir vorgeschlagne große Beratung angewandt, so ergeben sich dafür folgende Hauptpunkte.

  • 1. Weil der Gegenstand, alle menschliche

Dinge, Alle angeht, so darf kein Mensch von dieser Beratung ausgeschlossen werden, oder sich ausschließen, und

  • 2. Jedem ist

gestattet, seinen Rat zu geben;

  • 3. die Beratung soll

freundschaftlich, ohne Zank und Streit sein, fordert also Bescheidenheit, Ernst und Aufmerksamkeit Aller - besonders, voll Vertrauen ohne Unterlaß zu Gott zu beten.

  • 4. Ebendaher muß die Beratung offen sein; daher ich auch mein ganzes Vorhaben Allen

am allgemeinen Taglichte mitteile.

Ich werde die Uebel angeben, und die Heilmittel. Jeder soll mit eignen Augen sehen, denn blos die Sachen, weil sie Das sind, was sie sind, können uns einstimmig machen. "So kommt denn Alle, denen euer und eures Geschlechtes Heil am Herzen liegt, die ihr Gott fürchtet aus jedem Volk, von jeder Zunge und Sekte, denen die menschlichen Verirrungen ein Abscheu sind, - - laßt uns unsere hilfreichen Anschläge vereinen! - auf daß Alles, was uns vom Lichte des Geistes ausschließt, was uns von Gott trennt, und von einander ungesellig absondert, aufgehoben werde." Ich habe mir vorgenommen, nur vorzuschlagen, was allen durchaus wünschenswert erscheint, dessen Möglichkeit bald Alle einsehen werden; nichts zu versprechen, außer wozu schon geebnete, oder sicher und leicht zu ebnende. Wege sich zeigen.

Wenn wir dadurch auch nur Einiges [- 134 -] erlangen, so ist es doch gewiß heilsamer, bis zu Einigem hindurchzudringen, als Alles zu vernachlässigen. Unsern Wunsch ganz zu verfehlen ist unmöglich - "Vor allem aber erwachet ihr, denen verliehen ist, den menschlichen Dingen vorzustehen: ihr Erzieher des Menschengeschlechtes, ihr Philosophen; ihr, die ihr Seelen von der Erde zum Himmel führt, ihr Theologen; ihr einstweiligen Beherrscher der Erde, ihr Verwalter und Statthalter des Friedens, ihr weltlichen Oberherren! Ihr alle zugleich seid die Aerzte der Menschheit!" Laßt uns Alle miteinander einen heiligen Vertrag schließen! Zuerst, daß uns Allen nur Ein Ziel vor Augen stehe: das Heil der Menschheit; - daß ferner das Ansehen der Personen, der Nationen, der Sprachen, der Sekten hierbei gänzlich zur Seite gesetzt werde, damit sich nicht Liebe oder Haß, Neid oder Verachtung, einmische; - daß wir ferner eine wahre und wirkliche Verbesserung unserer Verderbnisse suchen. "Und da ich hoffen kann: das schönste Urbild eines besseren Zeitalters vor Augen zu stellen (melioris denique seculi faciem formosissimam)", so fordere ich, daß, Wer zu beschauen hierher kommt, ein Auge herzubringe - ein reines Auge, einen freien Blick, ohne Augengläser. Keiner entziehe sich der Beratung, bevor nicht alle Ratschläge gehört worden sind. Endlich bedinge ich mir bei diesem ganzen Werke von allen Seiten beruhigte, von Streitsucht reine Gemüter; denn wir wollen auf dem Wege dieser brüderlichen Beratung nicht streiten. So werden uns Demut vor Gott, innige Liebe gegen unsere Mitbrüder, und reine Wahrheitsliebe treue Führer zu allgemeiner Uebereinstimmung sein." Auch entziehe sich, wegen abweichender einzelner Meinungen, Niemand der Beistimmung in allem Uebrigen bei diesem ganzen, so harmonischen Werke. Wie störend solche Verschiedenheit der Meinungen sei, erfahren wir in der Erkenntnis der Dinge, in der Regierung der Menschen, in der Verehrung der Gottheit: daß eine einzige abweichende Meinung höher geachtet wird, als tausend Uebereinstimmungen. Endlich fordere ich, daß wir alle einmütig Gott bitten, daß dieses unser Beginnen seiner Majestät nicht mißfalle. Daß er uns gütig helfe, und mit erwünschtem Ei folge kröne. Denn dies Werk ist nicht unser, sondern Gottes, dessen schwache Kreatur wir sind. Und weil das Reich des Lichtes dem Reich der Finsternis feindlich ist, so werden wir hier auch einen harten Kampf zu kämpfen haben, nicht allein mit der Unwissenheit, sondern auch mit der Bosheit, der Verkehrtheit und der Verstocktheit, welche ihre Finsternisse beschirmen und verteidigen. Wenn wir für das Licht, und für Gott, den Vater des Lichts, wirken wollen, so werden wir nur unter seiner Leitung und unter seinem Schütze wirken können. An ihn also wollen wir Alle uns wenden, und aus innerstem Herzgrunde sein unendliches Erbarmen anflehen."

Dieses ist ein kurzer, aber getreuer, Auszug der Panegersie des Comenius. Noch in dieser, alles Redeschmuckes entkleideten - nackten Wahrheit ist des Verfassers tiefsinniger Geist, seine schöne Seele, und sein liebevolles, menschheitinniges Gemüt erkennbar.


"Leser", so fahrt Krause fort, "welche sich mittels der in der vorliegenden Schrift abgedruckten Grundgesetze , des Rituales [- 135 -] und der wichtigen Tatsachen über die Stiftung des neuenglischen Großmeistertums mit den Grundsätzen und Eigentümlichkeiten ebendesselben vertraut gemacht haben, werden selbst bemerken, daß jene im Ritual und in den Konstitutionen der neuenglischen Großloge ausgesprochenen Grundsätze sämtlich, sogar mit denselben Kunstausdrücken und Redewendungen in des Comenius Panegersie enthalten sind".

Krause gibt ferner einige Auszüge aus den pansophischen Schriften des Comenius, deren Beachtung wir allen denen empfehlen, die da meinen, Comenius sei in den Theorien der herrschenden Kirchen befangen gewesen, oder er habe alle Menschen im Sinne einer dieser Kirchen zu Christen, d. h. zu Kirchen-Christen machen wollen. Das Ziel, das ihm vorschwebt, bezeichnet Comenius selbst als die Erlangung des wahren Lichtes, das diejenigen erreichen, die Gott suchen und finden und die wie auf einer "heiligen Leiter" "durch alles Sichtbare zu dem unsichtbaren Gipfel aller Dinge, nämlich zur höchsten Majestät Gottes emporsteigen". Die christliche Pansophie, sagt er, (gemeint ist die Lehre Christi wie er sie verstand) ist nur ein beständiger Anreiz, Gott überall zu suchen und ein Wegweiser, den gesuchten überall zu finden. Zu solcher Höhe und Allgemeinheit der Einsicht, bemerkt Krause mit Recht (II, 2, S. 31), haben sich selbst Anderson und Desaguliers nur teilweise erhoben. Er lehre nicht, sagt Comenius mit Recht, diese oder jene Theologie, wie sie die Konfessionen lehren, sondern die allgemeine Wahrheit.

Danach muß man den Sinn seiner Worte verstehen und beurteilen, wenn er von der "allgemeinen Gemeinde Christi" spricht: er setzt diesen Ausdruck an einer Stelle (s. Krause a. O. S. 31) direkt gleich dem Namen Tempel der Weisheit, den er "nach den Gesetzen des höchsten Baumeisters bauen will"; diesen Tempel oder diese allgemeine Gemeinde Christi will er "aus allen Stämmen, Völkern und Sprachen sammeln". Dann fährt er fort: "Weil aber dieses Werk, nämlich der Tempel der Weisheit (Pansophiae Templum), nicht nur den Christen nützen soll, sondern allen, die als Menschen geboren sind, so daß es auch zur Erleuchtung und Überführung der Ungläubigen (falls es Gott gefällt) Kraft habe, so werde es vielleicht noch passender menschliche Pansophie genannt werden können".


[- 136 -] Das Gebrauchtum der neueuglischen Großloge, wie es in Brownes and Prestons Bearbeitung vorliegt, zeigt nach Krause eine Stufe von Christlichkeit, über die sich Comenius bereits weit erhoben hat. Anpassungen in den Wendungen freilich, wie sie das 17. Jahrhundert selbst für einen unabhängigen Geist wie Comenius bei öffentlichen Kundgebungen zweckmäßig erscheinen ließ, um seine Sache auch den Unmündigen und Befangenen zu empfehlen, kommen öfter vor; man muß sie nur richtig zu deuten wissen.

Das Christentum, das ihm vorschwebte und zu dem er in der Tat alle Menschen führen wollte, fiel in seinem Wesen mit der Weltanschauung, die Herder Humanität nennt, zusammen. Zu welcher Kirche hätte auch Comenius, der selbst keiner herrschenden Kirche angehörte, alle Menschen führen wollen? "Gib, o Gott", so schließt Comenius seinen Abriß der Pansophie, "daß wir hier auf Erden ein Abbild dessen sehen mögen, was Du von Deinem himmlischen Jerusalem offenbart hast: daß nämlich die Tore desselben den ganzen Tag offen stehen und hinfort das Dunkel der Nacht verschwinde. Das Licht war seines Geistes höchstes Verlangen.

Diesen Ausführungen läßt Krause einige einzelne Stellen aus Comenius Schriften folgen, worin sich eine genaue Übereinstimmung mit dem neuenglischen Konstitutionenbuche in Gedanken und Worten zeigt. Nachdem Comenius in dem eröffneten Sprachtor (Opp. didact. P. III, p. 589, n. XCIV- XCVIII) die "vier Hauptreligionen", die heidnische, jüdische, christliche und mohamedanische, welche er einen klippenreichen vierfachen Weg nennt, geschichtlich kurz geschildert hat, schließt er also:

"Es ist zu beklagen, daß wir hierin nicht übereinkommen, wo es uns zukäme, daß die größte Uebereinstimmung stattfände: in der Verehrung des Einen Urhebers aller Dinge. Ebenso unzulässig ist aber auch, was die Libertiner tun: nämlich alle Religionen zu billigen, und einer beliebigen anzuhangen: denn dabei ist Selbstbetrug, und der eifrige Gott will, daß wir in seiner Verehrung eifrig seien ohne Lauigkeit."

Diese Stelle wird ferner in der Schrift: Atrium rerum und linguarum so ausgeführt:

"O beklagenswerte Sache! daß uns Gott, die ewige Wurzel der Einheit, so wenig vereinet, daß wir in nichts anderem mehr und zu größerem Nachteile uneins sind als gerade hierin. Nicht aber durch die Schuld Dessen, der sowie er selbst Einer ist, auch will, daß alles Eines (einig) seie: sondern durch unsere Schuld, die wir von der Einheit zu der Vielgestaltigkeit abgewichen sind. Diesem Uebel streben [- 137 -] vergeblich die Libertiner abzuhelfen, indem sie Gleichgültigkeit hinsichts der Religion erlauben. Denn dieser Ratschlag ist nicht aus Gott, der sich einen eifrigen Gott nennt, und von uns für die Wahrheit und für seine Verehrung Eifer fordert. Denn wer nicht Eifer hat, hat auch die Liebe nicht."

"Mit diesen Stellen", fährt Krause fort, "vergleiche nun der Leser das erste Altgesetz (Old charge) des neuenglischen Konstitutionenbuchs vom Jahre 1723 und vom Jahre 1738".

Dieses Gesetz lautet:

1723.

Concerning God and Religion. A Mason is oblig'd, by his Tenure, to obey the moral Law; and if he rightly understands the Art, he will never bi a stupid Atheist, nor an irreligious Libertine. But though in ancient Times Masons were charg'd in every Country to be of the Religion of that Country or Nation, whatever it was, yet 'tis now thought more expedient only to oblige them to that Religion in wich all Men agree, leaving their particular Opinions to themselves; that is, to be good Men and true, or Men of Honour and Honesty, by whatever Denominations or Persuasions they may be distinguished, whereby Masonry becomes the Center o f Union, and the Means of conciliating true Friendship among Persons that must have remain'd at a perpetual Distance.

1738.

Concerning God and Religion.

A Mason is obliged, by his tenure to observe the Moral Law, as a true Noachida; and if he rightly understands the Craft, he will never be a Stupid Atheist, nor an Irreligious Libertine, nor act against Conscience. In ancient Times, the Christian Masons were charged to comply with the Christian Usages of each Country where they travell'd or work'd: But Masonry being found in all Nations, even of divers Religions, they are now only charged to adhere to that Religion in which all Men agree (leaving each Brother to his own particular Opinions) that is, to be Good Men and True, Men of Honour and Honesty, by whatever Names, Religion or Persuasions they may be distinguish'd: For they all agree in the 3 great Articles of Noah, enough to preserve the Cement of the Lodge. Thus Masonry is the Center of their Union and the happy Means of conciliating Persons that otherwise must have remain'd at a perpetual Distance."

Mit Recht weist Krause zum Schluß auf des Comenius Schrift "Vom Einzig Notwendigen" hin und bringt daraus folgende Stelle bei:

"O, daß doch die menschliche Thorheit der göttlichen "Weisheit beystimmen und durch Absonderung des nichtswürdigen von dem kostbaren alles böse, eitle und überflüssige abschaffen wollte, wie würde man in kurtzem einen gantz andern Zustand in allen Sachen, :sowol in der Philosophie, als auch in der Policey und Religion sehen. Denn die einfältigste, leichteste und sicherste Art der Reformation oder [- 138 -] Verbesserung wäre diese, wenn wir das Unnöthige wegthäten und nur allein mit dem Nothwendigen vergnügt sein wollten. 3. Ex. In der Philosophie (Welt- oder NaturWeisheit) sollte nichts schlechterdings angenommen werden, als was gantz augenscheinlich wahr; nichts beständig begehret, als was offenbar gut; und nichts erst vorgenommen, als was gantz gewiß möglich, leicht und nützlich wäre. So würde es um unsere Herrschaft über die irdischen Dinge wohlstehen. Wohl würde es auch stehen in der Policey, wenn niemand in der Welt etwas anderes wollte, beschlösse und thäte, als was auf die gemeine Glückseligkeit, und daß es um die gesammte menschliche Gesellschaft wohl stünde, abzielete: Welches geschähe, wenn alle, ein jeder an seinem Ort in der Ordnung bliebe, keiner sich dem ändern muthwillig vorzöge oder knechtisch unterwürfe; doch ein jeder sich in alle schickte, und aus Liebe zum Frieden und dem ändern freiwillig diente. Desgleichen in der Religion, wenn wir alle nichts anbeten wollten, als den eintzigen allein guten Gott, von welchem allein uns alles gute herkommt; seine Gütigkeit über alles liebeten, daß er uns hinwieder väterlich zu lieben würdigte; und seine Macht ehrerbietig scheueten, damit er nicht dieselbe an uns mutwilligen Menschen gerechter Weise ausübete: So würde er uns allen sowenig seine Barmhertzigkeit versagen, als er niemanden seine Sonne am Himmel entzeucht.

Um die geistigen Zusammenhänge großer geschichtlicher Erscheinungen richtig abzuschätzen, bedarf es neben einer eindringenden Kenntnis der historischen Tatsachen vor allem der Fähigkeit des Anempfindens und der philosophischen Durchbildung des Beurteilers. Ohne die letztere tastet der Forschende zwischen Worten und Wörtern hin und her, die, lediglich für sich betrachtet, niemals einen ausreichenden Schlüssel des Verständnisses darbieten. Krause hat für die Frage, die es hier zu prüfen und zu entscheiden galt, in ganz hervorragendem Maße die erforderlichen Vorbedingungen mitgebracht. In der Tat ist sein sachkundiges Urteil seit dem Erscheinen seines großen Werkes stets sehr hoch eingeschätzt worden. Die Forschungen, die über die gleiche Frage späterhin zahlreich angestellt worden sind, haben, wie oben bemerkt, Krauses Überzeugung lediglich bestätigt. Es ist bisher nicht gelungen, die vorgebrachten Gründe auch nur im geringsten zu entkräften, und es wird unseres Erachtens auch nicht gelingen.

Wenn alle die, die da hofften und hoffen, einst alle Menschen im Geiste Christi zu einem Tempel der Gottesverehrung vereint zu sehen, mit, dem neuenglischen Großlogen-System von 1717 außer geistiger Gemeinschaft stehen, so sind aus deren Listen nicht nur die besten Namen - man denke an Herder - sondern die Stifter selbst, und vor allem die beiden Geistlichen Anderson und Desaguliers, zu streichen.

Ludwig Keller.









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