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Tarot-Geschichte

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Inhaltsverzeichnis

Kleine Geschichte des Tarot

Quelle: Dr. phil. Roland Müller, Switzerland


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Im Internet wimmelt es nur so von Websites zum Tarot. Und die meisten Sites sind staunenswert, nämlich gut, sorgfältig gemacht und informativ. Nichts da von Esoterik-Blaba, spirituellem Schwulst oder gar Satanismus-Gefasel. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Man kann wochenlang im Internet herumstöbern und findet täglich neue Angaben und Behauptungen. Das Hauptproblem besteht darin, dass fast sämtlichen Informationen nur auf Englisch zu erhalten sind.

Die Geschichte des Tarot

zeigt viele Parallelen zur Geschichte der Freimaurerei:

1) Es gibt unzählige Legenden über die Entstehung

2) Man muss unterscheiden zwischen „gewöhnlichen“ Spielkarten (manchmal „Tarock“ genannt) und Tarot so wie zwischen blauer Freimaurerei und den Hochgraden

3) Zuerst waren die Spielkarten, wie wir sie alle kennen; das entspricht der blauen Freimaurerei; erst später kamen die Tarotkarten (also das bisherige Spiel plus 22 zusätzliche, und zwar „höhere“ Karten), entsprechend den maurerischen Hochgraden.

I. Die Legenden

Für die Legendenbildung sind Freimaurer und Pseudo-Freimaurer verantwortlich.

Als Herkunft des Tarot werden z. B. genannt:

  • die Höhlenbewohner und Atlantis
  • Ägypten, Indien und Marokko
  • Kabbala und Alchemie
  • Zigeuner und katholische Kardinäle.

II. Seit 1300 in Europa: Die Spielkarten

Einigermassen gesichert ist, dass die gewöhnlichen Spielkarten aus dem alten China stammen. Sie sollen um 750 erfunden worden sein. Es handelte sich vermutlich um schmale Papierstreifen, auf denen mit Punkten die 21 Möglichkeiten eines Spiels mit zwei Würfeln aufgezeichnet waren, ähnlich dem Domino.

Diese Karten kamen vermutlich um 1300 über die islamische Welt - Indien, Persien und Ägypten - nach Europa. Sie wurden beim Volk rasch so beliebt, dass die Obrigkeit das Kartenspielen sofort verbot. Solche Verbote sind bekannt in der Schweiz und in Deutschland, in Frankreich, Italien und Spanien, Belgien und Holland.

Der Hl. Bernhard von Siena soll 1423 in Bologna in einer flammenden Predigt die Spielkarten als „Erfindung des Teufels“ bezeichnet haben; seine Anhänger sollen die Karten ins Feuer geworfen haben.

III. Ab 1400/40: Der Tarot

Trotz allem wurde weiter mit Karten gespielt. Auch an Fürstenhöfen. Und offenbar waren manchen Potentaten, besonders in Mailand (am Hof der Visconti) und Ferrara (am Hof der Este), die gewöhnlichen Spielkarten zu wenig interessant. So wurden, etwa in der Zeit von 1400-1440 22 sogenannte Trumpfkarten hinzugefügt, also Karten die eine höhere Stichkraft hatten. Diese „höheren“ Karten werden oft „trionfi“ genannt, das ganze Kartenset von 56 plus 22 = 78 Karten „tarocchi“ genannt.

Nach neusten Forschungen könnten diese Karten bereits im ersten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts in Bologna (ebenfalls am Hof der Visconti) entstanden sein.

Die 22 zusätzlichen Karten bezeichnen wir heute als die „grossen Arkana“. Warum es gerade 22 sind und weshalb sie gerade die bekannten Motive zeigen und erst noch in einer bestimmten Reihenfolge stehen, ist umstritten. Dabei ist zu bemerken, dass die Motive nicht von Anfang an den heute als „klassisch“ bezeichneten entsprechen. So zeigt etwa das „Michelino-Deck“ 16 griechische Gottheiten, und die Farben sind Vögel. Der „Mantegna-Tarot“ zeigt unter anderem die neun Musen, die sieben Tugenden, die sieben Freien Künste und die sieben Planeten. Der „Sola-Busca-Tarot“ zeigt historische Persönlichkeiten aus dem alten Rom sowie die babylonischen Herrscher Nimrod und Nebukadnezar. Bei den Rosenwald-Holzschnitten sind Kentauren und weibliche Knappen auffällig.

Aus der frühen Zeit des Tarot sind einige fast vollständige Spiele, „Decks“ genannt, erhalten, dazu viel einzelne Karten. Sie sind mit den Namen Visconti und Sforza verbunden, aber auch mit dem Namen reicher Sammler wie der Bankiers Edmond de Rothschild und John Pierpont Morgan. Manche dieser Karten sind Unikate, das heisst, von Hand gemalt und daher ausserordentlich kostbar. Daneben gab es schon früh auch gedruckte Karten.

Interessant ist, dass zu selben Zeit, also im 15. Jahrhundert an andern Orten auch einige andere Kartenspiele entstanden, beispielsweise in Venedig das „Imperatori“-Spiel und mit ihm verwandt in Deutschland und in der Schweiz der Karnöffel und das Kaiserspiel. In Wien entstand das Hofämterspiel. Das waren alles ausserordentlich beliebte Spiele.

Der sogenannte „Tarot de Marseille“ ist um 1500 in Südfrankreich entstanden. Die heute bekannte Version wurde jedoch erst 1760 gedruckt.

IV: Erklärungen für die Anzahl 22, die Motive und ihre Reihenfolge

Eine Erklärung für die Anzahl 22 könnte sein: Das hebräische Alphabet hat 22 Buchstaben, und im kabbalistischen Lebensbaum gibt es 22 „Pfade der Weisheit“. Weiter wird behauptet, es gebe 22 Bücher des Alten Testaments, ebenso viele Schöpfungstaten Gottes und Tugenden Christi.

Eine andere Erklärung geht vom Würfelspiel aus, das zu allen Zeiten praktiziert wurde. Mit zwei Würfeln ergeben sich 21 Möglichkeiten – vielleicht hat der “Narr“ daher im Tarot keine Nummer.

Für die bekannten Motive, beispielsweise des „Tarot de Marseille“, gibt es mehrere Erklärungsversuche aus jüngerer Zeit, die sich auf die Bezeichnung „trionfi“ stützen.

a) Der grosse Dichter Petrarca hat nach der grossen Pest von 1348 seine grosse Liebe zu der idealisierten Laura mehrmals (bis zu seinem Tod 1374) in ein Gedicht zu fassen versucht, das er „Trionfi“ nannte. Immerhin 13 Motive können auf dieses Gedicht zurückgeführt werden.

b) Es soll zu dieser Zeit auch religiöse Prozessionen oder Karnevalszüge gegeben haben, an denen auf grossen Wagen, in teilweise kühnen mechanischen Konstruktionen, Darstellungen von Tugenden, kirchlichen Themen, menschlichen Eigenschaften und weiterer Themen aufgebaut waren. Im Ganzen ging es stets um den Sieg, genauer, das „Schweben“ des Guten über das Böse.

c) In den Mysterienspielen oder volkstümlichen Theateraufführungen wurde der Ablauf des menschlichen Lebens dargestellt: Geburt, Reife, Tod und Erlösung. Diese Aufführungen fanden nicht nur in der Kirche, sondern auch im Freien als streng komponierte „Triumphzüge“ statt, beginnend mit der Schöpfung der Welt und endend beim Jüngsten Gericht. Es waren richtige Spektakel mit feuerspeienden Teufeln und Spielern, die mit Kranen aufwärts und heruntergefahren wurden.

d) Ebenfalls zur selben Zeit entstand der sogenannte „Totentanz“, den wir als Bildzyklus kennen. Er zeigt Vertreter aller Volksschichten – vom Bettler, Narren und Eremiten bis zum Herrscher und Papst -, die von einem Tod in Gestalt eines Knochengerippes aus dieser Welt abgeholt wurden.

Darüberhinaus gibt es einige extreme Behauptungen wie:

Die Motive sind zufällig aus dem riesigen Schatz an bildlichen Vorstellungen der damaligen Zeit herausgegriffen. So kommen von den sieben Tugenden im Tarot nur drei vor, von den sieben Planeten nur zwei und ein Stern.

Es könnte sogar sein, dass die ersten Schöpfer mit der Auswahl der 22 Grossen Arkana eine satirische Absicht verbanden – für die damaligen Zeitgenossen, welche den Wink verstanden.

Was die Reihenfolge betrifft, so gibt es die Behauptung, sie sei rein zufällig, aber ebenso die gegenteilige, dass der Tarot die Geschichte der apokalytischen Prophezeiung im biblischen Buch der Offenbarung beschreibe. Ferner wird die Reihenfolge mit den Zahlenwerten des hebräischen Alphabets und der Zahlentheorie von Pythagoras in Zusammenhang gebracht.

Auffällig ist jedenfalls die Gruppierung: Im ersten Drittel eine Art soziale Hierarchie; im zweiten Drittel Allegorien des Lebens, wie Liebe, Erfolg, Aufstieg und Abstieg; im dritten Drittel die christliche Eschatologie mit Teufel und Engel (Jüngstem Gericht) und der Überwindung des Todes.

Es gibt jedoch auch die extreme Behauptung, die Reihenfolge sei völlig falsch. Beispielsweise müsste die Welt statt am Schluss an der Stelle des Magiers am Anfang stehen.

Interessant ist, dass die Reihenfolge der Karten – mit kleinen Abweichungen – von Anfang an (1470) über die Jahrhunderte konstant ist.

Regeln für das Kartenspiel, speziell das französische Tarock, sind erst seit 1637 erhalten.

V: Ab 1750: Die Deutung der Tarotkarten

Ob die Spielkarten und Tarotkarten in der Renaissance und Barockzeit zum Wahrsagen benutzt wurden, ist umstritten. Es gibt allerdings einige Hinweise darauf. Auch etwa zur Charakteranalyse konnten die Karten verwendet werden.

Merkwürdigerweise taucht die symbolische Deutung der Tarotkarten, wie wir sie heute kennen, auf dem Höhepunkt der Aufklärungszeit auf, und das heisst auch, genau zur Zeit der Entstehung der maurerischen Hochgrade. Und gleichzeitig blühen auch die Legenden über die Herkunft des Tarot – wie auch der Freimaurerei.

Es ist also kein Wunder, dass es Freimaurer und schräge Figuren aus dem Umfeld der Freimaurerei waren, welche versuchten, den esoterischen Gehalt des Tarot auszuschöpfen. Die bekanntesten Namen um 1780 sind Antoine Court de Gébelin und Etteilla. Court de Gébelin war der Theoretiker, Etteilla der Praktiker.

Court de Gébelin deutet die Symbole des Marseiller Tarots als Zeichen der Mysterien der ägyptischen Gottheiten Isis und Thot; er sieht den Tarot als „Königlichen Weg“ zur Weisheit resp. „Königlichen Weg des Lebens“; er ordnete den 22 grossen Arkana die 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets zu.

Etteilla, der schon lange Zeit die Menschen als Kartenleser beglückt hatte, führte den Tarot auf einen Plan des legendären Hermes Trismegistos zurück. Und er verbindet bereits kabbalistische Ideen mit dem Tarot.

70 Jahre später war es dann der Kurzzeit-Freimaurer Eliphas Lévi, welcher Etteilla heftig kritisierte, jedoch den Zusammenhang des Tarot mit Hermes Trismegistos und der Kabbala differenziert ausbaute. Nach Lévi ist der Tarot nicht mehr allgemein der Weg der Erkenntnis, sondern vielmehr der „Weg der Selbsterkenntnis“.

Bald darauf wurde der Tarot auch mit der Astrologie in Verbindung gebracht. Nach Paul Christian (1870) findet die Planetensymbolik ihren Niederschlag in den Symbolen der Tarotkarten.

VI: 1889 - 1909: Ein Schub von neuen Tarot-Decks

Bislang war der sogenannte Marseiller Tarot der am meisten gebrauchte und gedeutete Tarot gewesen. Nun begannen plötzlich zahlreiche Esoteriker, eigene Tarot-Decks zu entwerfen. Massgeblich verantwortlich für diesen Schub war der Orden vom „Golden Dawn“, welcher 1888 von drei Freimaurern gegründet wurde.

Schon 1889 gab der Schweizer Symbolforscher und Freimaurer Oswald Wirth ein Tarot-Deck heraus. Er wurde dabei angeleitet von seinem Mentor Stanislas de Guaita, einem Schüler von Eliphas Lévi und Gründer des modernen Martinistenordens.

Im selben Jahr gab der Leiter des Martinistenordens – und Möchtegern-Freimaurer - Papus „Le Tarot des Bohémiens“, also der Zigeuner, heraus.

Etwa zur selben Zeit skizzierte der Freimaurer und Mitbegründer des Golden Dawn, S. L. McGregor Mathers, in seinen Notizbüchern einen Tarot, der jedoch erst fünfzig Jahre später (1937) vom Chronisten des Golden Dawn, Israel Regardie, aufgegriffen und 1970 als „Golden Dawn Tarot“ veröffentlicht wurde.

1896 veröffentlichte René Falconnier in einem Buch die Zeichnungen eines ägyptischen Tarot von Maurice Otto Wegener nach Ideen von Paul Christian (1870).

1909 gab Papus einen weiteren Tarot heraus (Der Tarot der Weissagung).

Im selben Jahr beauftragte Arthur Edward Waite, Mitglied des Golden Dawn und Freimaurer, die amerikanische Künstlerin Pamela Colman Smith, 78 Karten nach seinen Ideen zu illustrieren. Das Deck erschien im Verlag Rider & Son, London, daher wird es meist „Rider-Waite-Tarot“ genannt. Es wurde bald darauf (1931) vom Freimaurer Paul Foster Case „verbessert“.

Innerhalb von 20 Jahren sind also sechs wichtige Tarot-Decks entstanden oder wenigsten konzipiert worden.

VI. Der Tarot wird populär

Später (1927) veröffentlichte Oswald Wirth einen eigenen Tarot, und noch viel später (1937) veranlasste Aleister Crowley - Mitglied des Golden Dawn und einer irregulären Freimaurerloge – Frieda Harris zur Illustration der Grossen Arkana. Dieser „Thoth Tarot“ oder „Crowley-Harris-Tarot“ wurde allerdings erst 1969 als Deck veröffentlicht.

Das heutige Interesse am Tarot wird auf die Hippies der Jahre nach 1965 zurückgeführt. Seither wuchern die Deutungen wie wild und es werden immer neue Tarotdecks auf den Markt geworfen, besonders viele feministische, aber auch prähistorische und biblische.

Ein freimaurerischer Tarot wurde 1987 von Jean Bauchard gestaltet.

Es gibt auch einen Tarot „James Bond 007“, einen Tarot von Salvador Dali, Tarot mit Abbildungen von rauchenden Menschen, von Pfeifenköpfen, Blumen, Musikinstrumenten und vielen anderen Objekten und Motiven.

Im Unterschied zur Freimaurerei macht also der Tarot im 21. Jahrhundert Furore. [zusammengestellt Juli-November 2009]

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