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Systeme, Lehrarten, Riten

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Systeme, Lehrarten, Riten

Quelle: Internationales Freimaurer-Lexikon von Eugen Lennhoff und Oskar Posner (1932)

Die besondere Arts wie der Inhalt der Freimaurerei in Form des Gebrauchtums durch Großlogen und Logen an die Mitglieder vermittelt und überliefert wird, bezeichnet man als freimaurerisches System, als Lehrart, als Ritus. Da viele Großlogen ihr eigenes System entwickeln, das im Gebrauchtum zum Ausdruck kommt, deckt sich das Wort oft mit dem Begriff einer besonderen Großloge. Daher die übliche Terminologie: Die Loge X arbeitet nach dem System (der Lehrart) der Großloge Y usw. Dabei ist aber festzuhalten, das, soweit der Aufbau der drei Grade der symbolischen Maurerei (Lehrling, Geselle, Meister) in Betracht kommt, das Grundsätzliche, Fundament und Ziel der Bauarbeit, in allen Systemen dasselbe ist. Die Abweichungen in der Form entsprechen dem besonderen Charakter der einzelnen Lehrarten.

Die Bildung von Systemen, Riten geschah schon früh nach der Entstehung der ersten Großloge in England, zunächst wohl in Frankreich. Die Ritualistik der ersten drei Grade wurde mancherorts reicher gestaltet, vieles, was nüchtern erschien, phantasievoller ausgebildet, manches hinzugetan. Dazu kamen dann bald weitere Grade; alle möglichen Strömungen des 18. Jahrhunderts fließen in die Freimaurerei, Reformer machten sich ans Werk, die ihnen widerspruchsvoll Erscheinendes auf weiteren Stufen zu klären versuchten, bezw. Grade schufen, die einen gewissen Abschluß geben sollten, den viele vermißten.

Aus Ritualen alter christlicher Gemeinschaften, aus Ritterorden wurden Bestandteile übernommen, Legenden, die sich beim Forschen nach der Herkunft der Freimaurerei herausbildeten, wurden dem Gebrauchtum einverleibt, neben die Bausymbolik trat in der in Frankreich entstandenen Schottischen Maurerei das Ritterspiel.

Kabbalistische, hermetische, alchimistische, okkultistische Elemente aller Art kamen hinzu. Auf der einen Seite machten sich christlich-mystische und katholisierende, auf der anderen Seite rationalistische Tendenzen geltend, Anlehnungen an die alten Mysterienbünde, an die Rosenkreuzer zeigten sich in den Ritualen. Nach den verschiedenartigsten Gesichtspunkten wurden Grade zu Systemen zusammengestellt, die alle die Erkenntnisse der Wahrheit, der letzten Erkenntnisse vermitteln wollten, so daß vielfach jener chaotische Zustand eintrat, der die Zeit der freimaurerischen Verirrungen kennzeichnet. Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts machte sich aber dann energisch das Bestreben nach Reinigung, nach Rückkehr zur reinen Lehre, bezw. zur Klarheit, auf Grund einer umfassenden Idee im Gradaufbau geltend. Die überwiegende Mehrzahl der Systeme verschwand wieder.

Vor allem die bis 1782 in Deutschland und anderen Ländern sehr mächtig gewesene Strikte Observanz, die sich fälschlicherweise für die legitime Fortsetzung des alten Tempelherrenordens ausgegeben hatte. Auch von den okkulten Deutungen, die vielfach den Symbolen der drei Johannisgrade gegeben worden waren, kam man wieder ab. Das alte englische Drei-Grade-Ritual kam mehr und mehr wieder zu seinem Recht. Dabei waren Abweichungen unvermeidlich. Einmal gab es in England selbst, abgesehen von den Divergenzen im Gebrauchtum der "Moderns" und der "Antients", eigentlich kein Einheitsritual dann bildeten sich auch sonstige, im Geistigen wurzelnde Unterschiede heraus.

Was die höheren Grade anbelangt, so erhielten sich von diesen verhältnismäßig wenige. Die Strikte Observanz lebte eine Zeitlang in dem der Templertradition entkleideten und auch sonst wesentlich vereinfachten Rektifizierten Ritus fort. Von den vielen Systemen der Schottischen Maurerei erwies sich auf die Dauer nur der 1801 aufgestellte A. u. A. Schottische Ritus lebensfähig, dessen dreiunddreißig Grade die fünfundzwanzig Stufen zur Basis hatten, die schon mehr als ein Menschenalter zuvor als "Rite de Perfection" von der Spreu gesondert und zu einem mehr oder weniger zusammenhängenden System verbunden worden waren. In den skandinavischen Ländern und (in modifizierter Form) im Schoße der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland ist nach wie vor das Schwedische System lebendig, dessen höhere Grade ebenfalls der Schottischen Maurerei Frankreichs entstammen und in vielen Elementen mit Graden des A.u.A. Schottischen Ritus übereinstimmen.

In den angelsächsischen Ländern sind die dort im 18. Jahrhundert herausgebildeten höheren Grade (Royal Arch, Markgrade, einige Rittergrade) in verschiedener Gruppierung ebenfalls in Übung geblieben. Drei solcher Gruppen, die an sich nicht in Zusammenhang miteinander stehen (auch nicht organisatorisch), werden in Amerika "American Rite", amerikanischer Ritus oder "York Rite" genannt.

Versuche, die im 19. Jahrhundert unternommen wurden, neunzig- und mehrgradige freimaurerische Mammutgebilde aufzustellen (Misraim Ritus, Memphis-Ritus usw.), scheiterten auf die Dauer an geistiger Blutleere.

Als allgemeine Einteilungsgründe der freimaurerischen Lehrarten können heute gelten

I. Die historische Ableitung des Bundes. Hier sind zu unterscheiden:

a) Die auf der historisch belegbaren Steinmetzenüberlieferung basierte Johannisloge in ihren drei Gradstufen des Lehrlings, Gesellen und Meisters.
b) Die von der historisch nicht belegbaren Templerlegende abgeleiteten Ritualsysteme, die ihr Gebrauchtum wohl wie die erste Gruppe teilweise um den Baumeister Hiram gruppieren, aber auf den höheren Stufen auch noch die Figur des letzten Templer Großmeisters De Molay zum Aufbau verwenden.

II. Nach dem Umfang, der Universalität der Lehrart nach außen und innen:
Hier sind zu verzeichnen:

a) Die christliche Freimaurerei, die ihrer Lehre das Evangelium Johannis unterlegt und daher auch nur Christen in ihre Reihen aufnimmt. Hierher gehören die skandinavischen und die altpreußischen Großlogen.
b) Die universelle, in Deutschland humanitäre Freimaurerei genannte Lehrart, die von der gesamten Weltfreimaurerei mit Ausnahme der skandinavischen und altpreußischen Gruppe dargestellt wird.

III. Nach der Teilung der Lehrart in Gradstufen, wobei sich ergeben:

a) Die Johannismauerei (auch blaue und symbolische Maurerei genannt), die das gesamte Lehrgebäude in drei Graden vergibt.
b) Die Hochgradmaurerei (rote Maurerei genannt), die eine (mehr oder weniger willkürlich gesetzte) Einteilung in zahlreiche Stufen (7, 9, 10, 11, 25, 33 bis 90 und mehr Grade) vornimmt,

IV. Nach dem nationalen Charakter, der dem Lehrgebäude eine besondere Tönung gibt, insonderheit in hinblick auf die mit der Lehre beabsichtigten Zwecke freimaurerischer Erziehung.
Hier sind es besonders die drei Gruppen der angelsächsischen, deutschen und romanischen Freimaurerei, die deutliche Unterschiede aufweisen. Bei der Farbenbuntheit der maurerischen Systematik sind diese Unterschiede nicht immer scharf ausgeprägt, sondern häufig ineinanderfließend. Daher gibt es zahlreiche Riten, die nicht leicht einzuordnen sind, um so mehr als in vielen Systemen auch heute noch Überbleibsel vergessener Lehrarten (mit kryptischen Kennzeichen rosenkreuzerischer, alchimistischer, kabbalistischer Lehren) nachgewiesen werden können.


Die folgende Übersicht erhebt daher auch nicht den Anspruch auf Vollständigkeit.

1. Reine Bauhüttenüberlieferung findet sich in den symbolischen angelsächsischen Systemen und zahlreichen von ihnen abgeleiteten deutschen und anderen Lehrarten. Diese arbeiten in den drei Johannisgraden und schließen die Lehre mit dem Meistergrade, der in England allerdings einen Überbau (Royal Arch) erfährt, ab. (Englische Lehrart.)

Bei der Fusionierung der beiden englischen Großlogen "Moderns" und "Antients" zur Vereinigten Großloge von England 1813 wurde ein gemeinsames einheitliches Gebrauchtum ausgearbeitet und bestimmt, "daß die reine alte Maurerei aus drei und nicht mehr Graden zu bestehen habe, nämlich denen des Lehrlings, Gesellen und Meisters mit Einschluß des höchsten Ordens vom heiligen Royal Arch". Dieser Royal Arch ist eigentlich ein vierter Grad, gilt aber nach dieser Definition ähnlich den holländischen Abteilungen des Meistergrades (s. d.) nur als eine eigene Stufe des dritten Grades. Immerhin wird er in eigenen Kapiteln bearbeitet, die auch wieder nicht der Großloge, sondern einem Großkapitel unterstehen. Da die britische Freimaurerei früh die gesamte Kolonialwelt ergriff, sind auch die amerikanischen Lehrarten im allgemeinen der englischen gleich. Die symbolische Einrichtung knüpft vollkommen an der Bauhüttentradition an. Daher fehlt in allen Logen der reinen englischen Lehrart und der vor ihr abgeleiteten Formen das Schwert oder der Degen als Symbolgegenstand (nur der Logenhüter, Tiler, hat ein Schwert als Amtszeichen).

2. Die Ritterlegende (Templertradition) beeinflußte alle jene Lehrarten, die sich mit wenig historischer Berechtigung Schottische Maurerei nennen. Ihr Ursprungsland ist Frankreich, daher müssen alle Lehrarten, die Schottenbestandteile enthalten, als romanische Formen bezeichnet werden. Die Entwicklung der einzelnen Lehrarten ist im 18. Jahrhundert durch die Unzahl verwirrender Einzelsysteme ungünstig beeinflußt worden. Teilweise haben auch Systeme, die heute die reine Bauhüttentradition pflegen, ohne logische Notwendigkeit gewisse Anklänge an die romanischen Lehrarten beibehalten. Kennzeichen ist auch hier wieder der Gebrauch der Schwerter, die z. B. auch in der Lehrart des Eklektischen Bundes und der Großloge von Wien usw. noch Verwendung finden.

Ein reiner Ritter-Maurer-Orden ist gleich ihren drei skandinavischen Schwestern (Schwedisches System) die Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland, die sich auch so nennt (Deutsch christlicher Orden). Ausgesprochene Ritterstufen führen auch verschiedene Hochgradsysteme, so Abteilungen des A. u. A. Schottischen Ritus, der Rektifizierte Ritus, die Knights Templar. Auch in den Erkenntnisstufen der Großen National Mutterloge "Zu den drei Weltkugeln" spielt die Schottenüberlieferung eine gewisse Rolle. Wo die Johannismaurerei gleichsam die Vorbereitung für den Schottischen Ritus bildet, sind auch die drei ersten Gradstufen teilweise auf die ritterliche Überlieferung eingestellt.

Zahlreiche Riten, die aus dem Wirrsal der Templergrade herauszukommen und zur ursprünglichen englischen Reinheit zurückzukehren trachteten und die besonders in Deutschland und seinen Nachbarländern Verbreitung fanden, sind gegen Ende des 18. Jahrhunderts entstanden. Das reinste dieser Systeme ist die mit Hilfe Herders von Ludwig Schröder geschaffene, nach ihm, oder auch Hamburger System, benannte Lehrart. Nach dem Schröderschen System arbeiten die Große Loge von Hamburg, zahlreiche sächsische Logen, die Großloge "Deutsche Bruderkette", mit Benützung wesentlicher Grundzüge die Großloge von Wien, mehrere deutsche Logen der Schweiz u. a.

Ein durchaus auf der englischen Lehrart aufgebautes Ritual ist auch jenes des Eklektischen Bundes, das nur in äußerlichen Abweichungen noch Erinnerungen an die Hochgradzeit trägt. Zwischen Hamburg und Frankfurt steht das von Bluntschli 1873 für die Großloge "Zur Sonne" in Bayreuth geschaffene Ritual, an dem auch Findel Anteil hatte. An dieses angelehnt ist das Ritual der Großloge "Lessing zu den drei Ringen" (I. Teil unwesentlich verändert übernommen, II. und III. von Posner selbständig aufgebaut). Eine Abweichung vom Bluntschli Ritual bedeutete jenes der Loge "Zur edlen Aussicht" in Freiburg i.B., das neben anderen wesentlichen Änderungen an Stelle der Bibel das Weiße Buch verwendete. Die radikale Gesinnung des F. z. a. S. (s. d.) steigerte dieses Element einer prinzipiellen Ablehnung durch Ersatz der Bibel durch ein wissenschaftliches Werk.
Eine Sonderstellung in der Systembildung nimmt das Werk Feßlers ein, der das Ritual der Großen Loge von Preußen, genannt Royal York, "Zur Freundschaft" nach dem altenglischen Ritual reformierte. Dabei verschwanden die vorher gepflegten französischen Hochgrade und machten Erkenntnisstufen Platz.

In Frankreich steht die Freimaurerei in geistiger Verbindung mit der Schottischen Maurerei. Die Grande Loge de France arbeitet nach dem A. u. A. Schottischen Ritus, die Logen des Grand Orient in ihrer überwiegenden Mehrheit nach dem sogenannten Rite francais (auch Rite moderne), der ebenfalls zahlreiche Schottenelemente enthält. Als Hochgradsystem wird der Rite francais (die drei symbolischen Grade waren von vier Schottengraden überwölbt, die auch im A. u. A. Schottischen Ritus enthalten sind) in Frankreich nicht mehr bearbeitet. Der G. O. hat das Symbol des A. B. a. W. aus seiner Konstitution entfernt, auch die Bibel liegt in seinen Logen nicht mehr auf. Ein eigenes System Rite francais wird nicht mehr bearbeitet. Die National - Großloge von Frankreich arbeitet nach englischer Lehrart.

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