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Gnostizismus

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Inhaltsverzeichnis

Gnostizismus

Quelle: Internationales Freimaurer-Lexikon von Eugen Lennhoff und Oskar Posner (1932)

eine dem Neuplatonismus nahestehende geistige Bewegung (eine Art esoterische Religionslehre), die besonders im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. stark verbreitet war, die christlieben Traditionen im Sinne der Mysterienfrömmigkeit verstand und umgestaltete und im Gegensatz zum Autoritätsglauben Gnosis, d. h. unmittelbare Erkenntnis des Übersinnlichen durch direkte Gottesschau suchte. In diese eigenartige Lehre waren orientalische und griechische Mythen, platonische und stoische Philosophie sowie Theosophie verwoben. Die häretischen Gnostiker wollten die christliche Lehre mit Gnostizismus in Einklang bringen, ein Bestreben, das von der Kirche mit Erfolg bekämpft wurde.

Weltenstufenlehre

Der Gnostizismus baute eine Weltenstufenlehre (Kosmogonie), ein Emanationssystem auf. Die Gnostiker glaubten an ein unendliches, unsichtbares Wesen, das sich in Emanationen ausbreitet, die desto unvollkommener werden, je entfernter sie sich vom Mittelpunkte ihres Urhebers befinden. Die Dreieinigkeit der Gnostiker besteht aus der Materie dem Demiurg und dem Erlöser. Die höheren Emanationen die Äonen, haben teil an den Attributen der göttlichen Weisheit und sind mit Hilfe symbolischer Zahlen in Klassen geteilt, die in ihrer Gesamtheit das Lichtmeer, Pleroma, die vollkommene Erkenntnis bilden.

Der Demiurg

Der Demiurg, ein Untergott, erscheint in dieser Lehre als der Schöpfer der Welt, die er ohne Mitwirkung des unsichtbaren Gottes erschaffen hat. Nach der Anschauung einer anderen gnostischen Sekte ist er dagegen der Vertreter und das Werkzeug des Obersten Gottes, den der göttliche Wille speziell als Jehova über die Juden ,gesetzt hat. Die Menschheit habe die Bestimmung, sich von der Natur loszumachen und diese zu beherrschen, um in ein Leben voll unsterblicher Schönheit auf zugehen.

Erdenmenschen

Die Juden gelangen hierbei als "Psychiker" nur bis zu Jehova, die Heiden bleiben "Erdenmenschen;" die wahren Christen aber, d. i. die Gnostiker sind "Pneumatiker", die allein zum wahren Leben gelangen können. Simon Magus, sein Nachfolger Menander, der Milleniumsapostel Gerinthes und einige andere Männer des 1. Jahrhunderts gelten als die Stifter des Gnostizismus. Im 2. Jahrhundert kam hierzu die Sekte des Basilides von Alexandrien, die den Gnostizismus mit indischen und ägyptischen Bestandteilen verquicktes so mit den 365 Äonen oder Schöpfungszyklen, die Basilides unter dem Namen Abraxas zusammenfaßte, ein Wort, dessen Zahlenwert 365 beträgt.

Ganz absonderlich muten jene gnostischen Glaubensätze an, die im Demiurg ein der Urgottheit feindliches Wesen erblicken, oder daß beispielsweise Kain im Gegensatze zum blindgläubigen Abel ein Gnostiker gewesen sei, den Jehova, der Demiurg, verfolgte, oder daß der Demiurg mit seinen Dämonen dummschlau den Tod Christi verursacht und dadurch die wahren Absichten des unbekannten Gottes gefördert habe.

Begreiflicherweise fanden diese Lehren in den breiten Schichten der Gläubigen wenig Verständnis. Die Exklusivität dieser Lehre, die in ihrer Verstiegenheit nicht von allen begriffen werden konnte, förderte ein Geheimbundwesen. Nach Heckethorn ("Geheime Gesellschaften") hatte dieser Geheimbund auch seine besonderen Zeichen. Die Gnostiker erkannten sich, indem sie sich beim Händeschütteln mit gebogenem Finger leise über die Handflächen fuhren.

Templer

Im Mittelalter galten in erster Linie die Templer als Hüter gnostischer Überlieferung. Wie der Neuplatonismus, so beeinflußte die Gnosis stark die neu-christliche Form der Kabbala und andere Systeme, und insbesondere auch Reuchlin und Jacob Böhme und damit die Rosenkreuzer.

Auch im 17. und 18. Jahrhundert machte er sich noch geltend. Mit der Freimaurerei kamen gnostische Systeme im 18. Jahrhundert in Berührung, als christliche Mysterien in die Freimaurerei einsickerten. Die Deutung der Königlichen Kunst als Mysterienbund war dabei wohl richtig, die besondere Auslegung zugunsten einer rein christlichen Gnosis jedoch ein Verkennen der geschichtlichen Grundlagen.

Die Gnosis wurde auch zu Unrecht herangezogen, um in der Zeit der maurerischen Verirrungen die Abstammung der Freimaurerei von den Tempelrittern zu erhärten. Es wurde fälschlich behauptet, diese hätten sich der alten Baubrüderschaften bedient, bzw. in Gemeinschaft mit ihnen esoterische Lehren pflegende Körperschaften gebildet, um so ihre gnostische Symbolik in Stein der Nachwelt zu überliefern. Ihre esoterische Kosmogonie sei das "verlorene Wort" (von dem in freimaurerischen Hochgradsystemen so viel die Rede ist), der Logos, die Wissenschaft vom Allmächtigen Baumeister (vergl. A. Q. C., 1911, Bd. 2413).

Gnostisch-esoterischen Kultus enthielt die Lehrart der Martinisten. Auch bei Feßler sollte die höchste Stufe (Vollendung, Teleiosis) in einer vollständigen Geschichte der sogenannten maurerischen Gnosis die letzten Aufschlüsse geben.

Der Buchstabe "G"

Mit Gnosis wird auch in einzelnen Systemen der Buchstabe "G" gedeutet. In der heute mancherorts neu erstandenen gnostischen Bewegung liegt ein wunscherfülltes Abkehren von den Realitäten des leiderfüllten Daseins, ein Retten in das Pneuma einer besseren Welt. Eine gnostische Welle dieser Art kann den Einzelnen in seiner Abgeschiedenheit über das persönliche Leid hinweg bringen, sie ist aber außerstande, der Gesamtheit einer auf ein Bauziel gerichteten Vereinigung Impulse zu fördernder Gemeinschaftsarbeit zu geben.

Der moderne Gnostizismus vermag vielleicht Spannungen des einzelnen zu entspannen, der Spannkraft des Bundes dienen kann er nicht!

Videos

  • Universität Göttingen / Öffentliche Vorlesungsreihe: Kosmologie - Kosmogonie - Schöpfung; Prof. Dr. theol. Kurt Rudolph (Universität Marburg): Gnostische Mythen, 16. November 2009

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