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Traktat: Hans-Hermann Höhmann : Zwischen anhaltender Gegnerschaft und zunehmender Akzeptanz

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Inhaltsverzeichnis

Zwischen anhaltender Gegnerschaft und zunehmender Akzeptanz

Einleitungsvortrag der 54. Arbeitstagung der Freimaurerischen Forschungsgesellschaft "Quatuor Coronati" in Hannover.

Von Br. Hans-Hermann Höhmann, Köln


Das Nebeneinander des „Geheimen“ und des „Öffentlichen“ hat in den Diskursen der Freimaurer wie in der Freimaurerei insgesamt von Anfang an eine große, ja bestimmende Rolle gespielt, und es war das für die Logen typische Verhältnis von Geschlossenheit und Öffnung, das die Freimaurerei – wie zuerst von Georg Simmel aufgezeigt wurde – zu einer „geheimen Gesellschaft“ spezifischen und von Anbeginn stark eingeschränkten Typs gemacht hat. Ich möchte deshalb meiner Skizze das einschlägige Simmel-Zitat voranstellen. In seiner „Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung“ von 1908 schreibt Simmel:

„Das Freimaurertum betont, dass es die allgemeinste Gesellschaft sein will, der ‚Bund der Bünde‘, der einzige, der jeden Sonderzweck und mit ihm alles partikularistische Wesen ablehnt und ausschließlich das allen guten Menschen Gemeinsame zu seinem Material machen will. Und Hand in Hand mit dieser, immer entschiedener werdenden Tendenz wächst die Vergleichgültigung des Geheimnischarakters für die Logen, seine Zurückziehung auf die bloßen formalen Äußerlichkeiten ... Der Freimaurerbund konnte seine neuerdings stark betonte Behauptung, dass er kein eigentlicher ‚Geheimbund‘ wäre, nicht besser stützen, als durch sein gleichzeitig geäußertes Ideal, alle Menschen zu umfassen und die Menschheit als ganze darzustellen“.
Georg Simmel

Um das „davor“ und das „danach“ der Simmelschen These geht es mir in den folgenden Ausführungen.

Einerseits war das „Geheime“ und das „Öffentliche“ seit Beginn der institutionalisierten Freimaurerei stets gleichsam geschwisterhaft präsent, anderseits gab es nie einen dauerhaften Konsens über ihr gegenseitiges Verhältnis, und die Diskurse darüber sowohl innerhalb des Bundes als auch zwischen Freimaurern und Vertretern der Öffentlichkeit sowie innerhalb der Öffentlichkeit über die Freimaurerei haben die Geschichte des Bundes begleitet.

Oft waren diese Diskurse aufeinander bezogen, und das Bild der Freimaurerei in der Öffentlichkeit war zu keiner Zeit vom inneren Diskurs der Freimaurer zu trennen. Was immer in der Öffentlichkeit über den Bund gesagt wurde und wird, es war und ist – selbst noch im Zerrspiegel der Verschwörungs“theorien“ – nicht unabhängig von den Selbstdarstellungen des Bundes und seiner Mitglieder.

Selbstbilder und Fremdbilder der Freimaurerei, Innen- und Außensichten des Bundes bedingten und bedingen sich gegenseitig und bilden trotz aller Widersprüche einen Gesamtkomplex, von dem jede, das Verhältnis von Freimaurerei und Öffentlichkeit thematisierende Analyse auszugehen hat.

Dieser Dialektik von Selbstbildern und Fremdbildern liegen wiederum drei von Anfang an gegebene Grundbefindlichkeiten der Freimaurerei zugrunde, deren Auswirkungen gleichfalls analytischer Aufarbeitung bedürfen:

Da ist zuerst die seit ihrem Beginn bestehende inhaltliche und formale Unbestimmtheit der Freimaurerei.

Gewiss hat der Bund einige zentrale Merkmale, die ihn als Freimaurerei konstituieren und von anderen Assoziationen unterscheidbar machen.

Dazu gehören insbesondere die auf den Eid bzw. das Gelöbnis der Verschwiegenheit gegründete Logengemeinschaft, die Aufnahme der Mitglieder durch feierliche Initiationen in den Bund und seine einzelnen Grade, die Verwendung von Metaphern, Symbolen und Ritualen als Projektionsflächen, Deutungsmuster und Formen kultureller Performanz sowie der jeweilige Kanon von spezifischen Werten und Überzeugungen, teils niedergelegt in grundlegenden Urkunden, Überlieferungen und Ritualen, teils präsent als Bestandteil der von wortmächtigen Brüdern in Logen und Logensystemen geführten Diskurse, und inhaltlich entweder esoterisch, oder christlich-gnostisch oder humanistisch-aufklärerisch profiliert.

Dennoch existierte von Anfang an eine zur Auffüllung einladende, gleichsam „fordernde“ Leere der Freimaurerei im Hinblick auf die Ausgestaltung der Rituale, die organisatorischen Strukturen des Bundes, seine Gradhierarchien sowie seine konkreten Aufgaben und Zwecke. Dies gilt in einer durch harmonisierende Formeln und Interventionen freimaurerischer Leitungsorgane freilich oft überdeckten Weise auch noch für die Freimaurerei der Gegenwart. Die Freimaurerei war und ist immer auf der Suche nach sich selbst.

Um es mit einem Wort von Monika Neugebauer-Wölk zu sagen: „Freimaurerei war immer ein Raum, in dem vieles möglich war“. In diesem Raum entwickelten sich mannigfaltige Spielarten des Bundes teils esoterischer, teils christlicher, teils ethisch-moralischer Orientierung, teils mit einfachen, teils mit weit aufgefächerten Gradstrukturen. Reformen standen immer wieder auf der Tagesordnung, und im Grunde genommen befindet sich die Freimaurerei bis heute auf der Suche nach ihrer eigenen Identität.

Der halböffentliche Charakter der Freimaurerei

Da ist zweitens der von Anfang an in Verbergen und Mitteilen, Verschweigen und Ausplaudern gespaltene halböffentliche Charakter der Freimaurerei. Trotz ihres Rückzugs in die Sphäre des Geheimnisvollen, fand Freimaurerei stets unter Beteiligung der Öffentlichkeit statt. Von Anbeginn bis heute existiert dieser Spagat von drinnen und draußen, von Bestrebungen geheim zu bleiben und sich gleichzeitig öffentlich zu zeigen.

Hinweise auf Logentreffen in der Londoner Presse, Theaterbesuche und Prozessionen in maurerischer Bekleidung, öffentlich zugängliche Publikationen in großer Zahl, Abbildungen prominenter Mitglieder in masonischem Outfit waren an der Tagesordnung, und im Grunde genommen ist das ja auch bis heute so geblieben.

Allerdings: Es sind nicht mehr deutsche Kaiser und amerikanische Präsidenten, deren Portraits die Öffentlichkeit als Ausdruck korporativen Stolzes erreichen sollen, sondern beispielsweise Abbildungen des Vorsitzenden des Obersten Gerichts der VGLvD in schwarz mit Schurz in der Zeitschrift „Focus“, oder einer Gruppe gleichfalls schurzbekleideten Berliner Freimaurer mit einem Anflug von „wir sind die glorreichen Fünf“ vor einiger Zeit im Berliner Tagesspiegel. Auch das in unserer Einladung wiedergegebene Bild mit der Unterschrift: „Brüder der Kieler Loge ‚Alma an der Ostsee‘ laufen im Jahre 2016 in voller maurerischer Bekleidung durch die Stadt“ gehört in diese Kategorie freimaurerischer Enthüllungs-Selbstdarstellung.

Ebenso sind geordnete freimaurerische Prozessionen nicht aus der Öffentlichkeit verschwunden. Sie finden zumindest halböffentlich statt und sind dann in Fernsehfilmen zu sehen, wie etwa in der von Freimaurern mitgestalteten ARD-Produktion „Tempel, Logen, Rituale“, die die Brüder wiederum in schwarz, wiederum mit Schurz und hohem Hut beim Einzug in die Krypta des Völkerschlachtdenkmals zeigt.

Zu diesen optisch wahrnehmbaren Demonstrationen der Freimaurerei kam seit ihrer Begründung als moderner Assoziation ein reichhaltiges Schrifttum hinzu. Um dem „Geheimnis der Freimaurerei“ selbst auf die Spur zu kommen und die Gesellschaft darüber zu informieren, haben die Freimaurer immer außerordentlich viel publiziert, gedruckte Texte waren ein wesentliches Medium ihrer Selbstverständigung, und die Öffentlichkeit war meist als Leser dabei.

Im April 1785 richtete die angesehene Jenaische Allgemeine Litteratur Zeitung eine eigene Sparte für die Besprechung freimaurerischer Schriften ein. Die Herausgeber begründeten ihre Entscheidung damit, dass

„die innern Angelegenheiten des ehrwürdigen Ordens der Freymaurer seit einiger Zeit eine ganz besondere Publicität bekommen haben, und mehr als eine Ihrer öffentlichen Schriften … das Publikum … gleichsam auffordern, Theil an ihren Fehden über das Wesentliche ihres Ordens zu nehmen.“

Schon ein Jahr zuvor hatte die Berliner „Allgemeine Deutsche Bibliothek“ ihr bisheriges Schweigen in freimaurerischen Dingen gebrochen und zwar mit einer deutlich kritischen Tendenz:

„Wir haben uns bisher enthalten, eigentliche Freymaurerschriften in unserer Bibliothek anzuführen … Aber es fängt doch an nöthig zu werden, von einigen dieser Schriften zu reden, besonders von solchen, worin mit unerhörter Unverschämtheit Unsinn und Aberglauben unter dem Scheine von großen Geheimnissen fortgepflanzt, und noch dazu Katholicismus unter einer verdeckten … geheimnißvollen Sprache empfohlen wird.“

Zu den Essays und Freimaurerreden, zu den Texten der Lessing, Knigge, Herder und Fichte kamen bald die belletristischen Schriften hinzu, die Freimaurer- und Geheimbundromane, die Außenstehende an der emotionalen Wirkung der Rituale und an den mit den höheren Graden verbundenen subjektiven Selbstwertsteigerungen der Brüder teilnehmen ließen.

1782 veröffentlichte August Siegfried Friedrich von Goué einen Freimaurerroman mit dem Titel „Ueber das Ganze der Maurerey“ und dem bezeichnenden Untertitel „Zum Ersatz aller bisher von Maurern und Profanen herausgegebenen unnützen Schriften“.

Einer der Helden des Romans, Stralenberg, schreibt an einen Freund:

„Aber die Aufnahme ist so schön, so feierlich, daß ich drey Tage gebrauchte mich in meine vorige Fassung zurück zu setzen … Die Maurerey muß gut seyn, und erhabene Vorwürfe haben, das beweiset die Meister=Aufnahme.“

Sein Freund Fürstenberg sekundiert nach der Einweihung in einen Hochgrad:

„Als ich mit dem Ringe zurück kam, mein lieber Stralenberg, o! wie feierten mich die hiesigen Brüder der untern Stufen. Sie tragen eine wahre Verehrung für diesen Ring, und wenn mich der Kayser in den Grafen-Stand erhoben hätte, so wäre ich dadurch das in ihren Augen nicht geworden, wozu ich in Frankfurt gestiegen bin.“

Die Belletristik behielt die Freimaurerei auch später fest im Griff. Dan Browns „Lost Symbol“ war ein bemerkenswerter Höhepunkt. Und ich konnte kürzlich dem Erwerb des 2017 erschienenen Kriminalromans „Inspector Swanson und das schwarze Museum“ nicht widerstehen, angesiedelt im Freimaurermilieu des viktorianischen Zeitalters und von einem britischen Freimaurer verfasst.

Eine besondere Kategorie bildeten und bilden die „Verräterschriften“ – oder besser vielleicht „Enthüllungsschriften“ – ehemaliger Freimaurer von Samuel Pritchard (Anm. d. R.: gemeint ist Samuel Prichard) über Leo Taxil bis hin zu Burkhardt Gorissen. Diese Schriften versuchen nach dem Motto „Ich bin dabei gewesen und ich weiß, wovon ich rede“ den Anschein authentischer Erfahrung zu vermitteln, und wenn sich heutzutage kritische, skeptische oder amüsierte Beobachter der Freimaurerei im „Focus“ oder in der FAZ auf Gorissens Buch berufen, zu folgen sie einem ebenso alten wie naheliegenden anti-masonischen Enthüllungsschema.

Von welcher Seite man es betrachtet: Die Freimaurerei war nie ein Geheimbund im strikten Sinne, aber sie war auch nie lediglich ein schlicht geselliger Verein oder ein Service-Club vom Rotary-Lions-Typ. Sie war immer eine Assoziation zwischen Geheimbund und geselliger Institution. Das bedeutete, dass sie im Inneren auf einer breiten Skala unterschiedlicher Gewichte von Geheimnis und Geselligkeit gestaltet werden konnte und auf der gleichen Skale auch von Außen eingeschätzt wurde.

So galt für die Freimaurerei nicht nur in Bezug auf ihre rituellen, konzeptionellen und organisatorischen Inhalte, sondern auch im Hinblick auf die relativen Gewichte von Geheimnis und Öffentlichkeit – sei es bei der inneren Gestaltung, sei es bei der Betrachtung von Außen – immer ein Element von „Wie es Euch gefällt“.

Und dennoch gab und gibt es – dies ist mein dritter Gesichtspunkt – trotz Präsens in der Öffentlichkeit und trotz aller Inkonsequenz bei seiner Handhabung stets das sowohl von den Freimaurern selbst als auch von Außenstehenden – Freunden wie Gegnern – reklamierte und proklamierte freimaurerische Geheimnis.

Weder lassen die Freimaurer davon und flüchten notfalls in Formeln wie die Freimaurerei hat kein Geheimnis, die Freimaurerei ist ein Geheimnis, noch wollen die Gegner der Freimaurerei darauf verzichten, die den Freimaurern in ihren extremen Verschwörungsvarianten vorhalten, dass es gerade die vermeintliche Offenheit der Freimaurerei ist, die ihren Charakter als geheime Verschwörung verbergen soll, ihn aber gerade hierdurch – dass wissen natürlich die schlauen Verschwörungstheoretiker – erst recht klar erkennbar macht.

Das maurerische Geheimnis ist nun vor allem das Geheimnis der verschwiegenen Rituale, und nicht nur die positiven Selbstzuschreibungen der Freimaurerei, auch alle Formen von Kritik, Ablehnung und Verurteilung machen sich am Geheimnis der Rituale fest:

Religiöser Relativismus

Für die Kirchen verhüllen sich in den Ritualen Elemente einer alternativen Religiosität, wenn nicht gar einer anderen Religion, zumindest aber verkörpern sie den Ungeist des religiösen Relativismus.

Für die Vertreter der Verschwörungsmythen bietet der geheime Raum des Rituals den Rahmen für das Aushecken mannigfaltiger Verbrechen und Anschläge gegen die gesellschaftliche Ordnung, gegen Volk und Staat.

Für den Volksaberglauben konstituiert das Ritual die besser strikt zu meidende Welt des Makaber-Gruseligen, in der vielleicht gar Satanisches im Spiele ist. In der Sicht intellektuelle Kritiker kaschieren Ritual und Geheimnis Ansprüche auf Selbsterhöhung und persönliches symbolisches Kapital, wenn sie nicht gar als Ausdruck des Lächerlichen gelten, in vielen Variationen der Charakterisierung durch den Philosophen Ernst Bloch, Freimaurerei sei nichts als eine „wahnhaft gesittete Mummerei“.

Sowohl für die freimaurerische Gruppenbildung als auch für das Spannungsfeld zwischen Freimaurerei und Öffentlichkeit war und ist das maurerische Geheimnis von großer Bedeutung. Unter seinen teils bewusst gesetzten, teils implizit praktizierten Funktionen können in meiner Sicht bis in die Gegenwart hinein vor allem die folgenden acht unterschieden werden, die sich zeitlich nicht ablösten, sondern stets nebeneinander, ja oft auch gegeneinander standen und in den Diskursen der Freimaurer bis heute eine beträchtliche Bedeutung haben. Mit ein paar Anmerkungen möchte ich diese Funktionen charakterisieren, zumal jede Erörterung der heute um Arkandisziplin angesiedelten Probleme von ihnen auszugehen hätte. Ich unterscheide

1. Die schützende Funktion:

Die Geheimhaltung der Logenaktivitäten – wie auch der Aktivitäten vieler anderer Aufklärungsgesellschaften – schien Bedingung zu sein für die Absicherung einer von staatlichen und kirchlichen Eingriffen und Kontrollen freien Sphäre, die dazu diente, ein neues soziales Gruppenmodell zu praktizieren und aufklärerische Diskurse zu führen. Um die vielzitierte Feststellung Reinhart Kosellecks zu variieren: Das „Geheimnis der Freiheit“ war nur als „Freiheit im Geheimen“ zu antizipieren.

2. Die bewahrende Funktion:

Hier gilt die Bewahrung des Geheimnisses als Voraussetzung für die Sicherung einer – im Falle der Veröffentlichung störanfälligen – Integrität des rituellen Geschehens als Quelle von Wahrheit und Erkenntnis, was vor allem für esoterische und christlich-gnostische Freimaurersysteme und weniger für die humanitäre Freimaurerei von Bedeutung war und ist.

3. Die soziale Funktion:

Die Teilhabe am gemeinsamen Geheimnis diente und dient der Stiftung von Freundschaft und der Bildung von Netzwerken unter Menschen, die sich sonst nicht als Freunde begegnen würden. Auf der im Ritual symbolisch konstituierten „Winkelwaage“ konnten Menschen unterschiedlicher sozialer Stände, Schichten und Milieus miteinander kommunizieren. Die Begegnung als „bloße“ Menschen im Rahmen des freimaurerischen Rituals hob die gesellschaftlichen Unterschiede zwar nicht auf, überwand sie jedoch im Innenraum der Loge und schwächte ihre Bedeutung auch außerhalb der Loge zumindest ab.

4. Die integrative Funktion:

Das Geheimnis und die Teilnahme daran binden die generell eher unbestimmten Zwecksetzungen der Freimaurerei durch Stiftung von emotional erlebter, wert- und symbolüberhöhter Gemeinsamkeit zusammen. Das freimaurerische Geheimnis wirkt als emotionale Heimat, als Attribut, das zum gemeinsamen Heim gehört: „Niemand wird es je erschauen, was einander wir vertraut, denn auf Schweigen und Vertrauen ist der Tempel aufgebaut“, hat der Freimaurer Goethe dazu gedichtet.

5. Die pädagogische Funktion:

Die unter dem Schutz der Verschwiegenheit hergestellte Offenheit und Bereitschaft für persönliche Veränderung („Selbstvervollkommnung“, „Arbeit am rauen Stein“ des eigenen Selbst) dient der Einübung von Tugenden, die sich auch im „profanen“ Umfeld des Freimaurers bewähren sollen. Die Absicht, im Sinne einer moralischen Entwicklung des Menschen auf den Habitus des Logenmitglieds einzuwirken, findet sich in vielen Texten, Liedern und Ritualen seit Beginn der modernen Freimaurerei.

Das freimaurerische Geheimnis besaß (und besitzt) jedoch auch Funktionen, die mehr oder weniger in Widerspruch zu den erklärten Zielvorstellungen der Freimaurerei gerieten, dennoch aber bis heute ihre Wirksamkeit behielten. Hierunter sind zu nennen:

6. Die illusionsstiftende Funktion:

Das maurerische Geheimnis dient (zumindest auch) der Schaffung und Sicherung eines Raums zum Ausleben mannigfaltiger „Selbstverwirklichungs- und Selbsterhöhungsambitionen“. Hierzu dienen die rituelle Konstruktion einer besonderen, von der Welt des Profanen verstärkt abgehobenen, wert- und empfindungssteigernden Atmosphäre, die Vergabe von Ämtern, Würden und Orden, die gegenseitige Beimessung einer besonderen persönlichen Bedeutsamkeit sowie die Durchführung aufwendiger Zeremonien, nicht zuletzt, wenn Großlogen internationale Veranstaltungen durchführen und sich Repräsentanten der verschiedenen nationalen Freimaurereien begegnen.

7. Die Lockfunktion:

Das Geheimnis mit dem ihm eigenen Einhüllen des Bundes in einen „Mantel des Geheimnisvollen“ kann die Attraktivität der Freimaurerei und ihrer Sonderformen erhöhen und wird gelegentlich gar als eines der Hauptwerbemittel des Bundes gepriesen. Zum Zuge kommt diese Funktion auch im Verhältnis zwischen Angehörigen „höherer“ Grade und den Mitgliedern der „blauen“ Logen.

8. Die Funktion der „inneren Hierarchisierung“:

Eine Vermehrung der Grade der Freimaurerei über die traditionellen Stufen „Lehrling“, „Geselle“ und „Meister“ hinaus im Sinne einer „Hierarchie von Einweihungen“ schafft nicht nur erweiterte Erlebnis-, Geltungs- und Selbstverwirklichungsmöglichkeiten sondern auch Abschottungen und Binnendifferenzierungen, die sich nicht selten als Element der Generierung von Konflikten innerhalb und zwischen den Logen und Großlogen erwiesen haben und erweisen.

Schließlich muss auf eine Praxis hingewiesen werden, die in direktem Widerspruch zu allen freimaurerischen Zielvorstellungen und Prinzipien steht: die Instrumentalisierung freimaurerischer Formen für politisch agierende Eliten, die nichts (oder nichts mehr) mit der Freimaurerei zu tun haben, woran sich dann aber gern allerlei Verschwörungsvorstellungen anschließen (Beispiel: Die Organisation „Propaganda Due“, P2, die an eine ehemalige italienische Freimaurerloge anknüpfte und – ohne Beziehung zur regulären italienischen Freimaurerei – in den 1970er Jahren zur politischen Geheimorganisation wurde).

Auf dem skizzierten Hintergrund der inhaltlichen Unbestimmtheit der Freimaurerei, ihres halböffentlichen Charakters und des dennoch mit ihr verbundenen Mythos vom Geheimnis vollzog sich nun nicht nur die Geschichte der Freimaurerei und ihrer Verurteilungen, sondern – gleichsam als Ausdruck eines historischen Pingpong-Spiels – auch die Geschichte der Erwiderungen und Apologien, mit der die Freimaurer auf Angriffe und Verurteilungen reagierten.

1770 fasste eine zunächst anonym erschienene, wiederholt aufgelegte kleine Schrift von Johann August von Starck unter dem Titel „Apologie des Ordens der Frey Maurer“ die Antworten der Freimaurerei auf folgende – im Prinzip bis heute unverändert gebliebenen – Hauptpunkte der Kritik zusammen:

Das Geheimnis der Freimaurer als solches widerspräche der Aufklärung, denn was nützlich und gut sei, könne offen und klar dargelegt werden, die Freimaurerei bilde einen Staat im Staate (statum in statu), der Eid der Maurer sei schrecklich, er schränke durch die angedrohten, unmenschlichen Sanktionen die natürliche Freiheit des Menschen ein, das Abfordern eines Eides sei zudem ein Monopol der Obrigkeit, und die Freimaurerei verbreite unter seinem Schutz eine gefährliche Gleichgültigkeit gegenüber Nation und Religion, schließlich sei der Orden der Freimaurer ohne wahren Nutzen und daher überflüssig, es sei denn, er betreibe unerlaubte Zusammenkünfte, die einen Herd für Verschwörungen bilden könnten.

Doch auch dies gilt bis heute: Die Freimaurer litten nicht nur an der sie umgebenden Mythologie, der faszinierenden Aura des Geheimen, sie profitierten auch davon. Denn die Mythen hielten die Freimaurerei im Gespräch, führten ihnen – bis hin zu den Dan-Brown-Fans – viele Neugierige zu und veranlassten die Maurer selbst, immer wieder darüber nachzudenken, ob hinter ihrem Orden nicht doch mehr stecke, ob das Geheimnis nicht doch einen anderen Inhalt habe als bisher in seiner schlichten englischen Ausformung zu erkennen war.

Im Laufe der Zeit wurde das Geflecht der antimasonischen Mythen immer dichter. Doch immer wieder waren es Auffassungen, die aus der Freimaurerei selbst hervorgingen, die den Stoff dazu lieferten:

Wenn beispielsweise Herder in seiner Korrespondenz mit Schröder an der Wende zum 19. Jahrhundert die beiden Grundvoraussetzungen einer von ihm mitgetragenen Reform der Freimaurerei formuliert – nämlich Wiederherstellung des „alten Rituals in seiner reinsten Gestalt“ und eine angemessene rituelle Praxis –, und seinen Brief dann mit den Worten schließt

„Die geheimen Gesellschaften sind bisher ein fressendes Gift, Höhlen des Betrugs, der Halbwisserei und … eines despotischen, kleingeistigen Egoismus gewesen!“,

so argumentiert er gegen die damals aktuellen Formen der Freimaurerei nicht anders als viele antimasonische Schriften.

Die eigenen Mythen der Freimaurer sollten sich allerdings in den folgenden Jahrzehnten im öffentlichen Raum mehr und mehr verselbstständigen und schließlich die Freimaurerei von außen überholen.

Ich nenne nur die beiden wichtigsten Beispiele hierfür:

Erst verschärften sich von Enzyklika zu Enzyklika die Vorurteilungen aus der katholischen Kirche, die in der Enzyklika „Humanum Genus“ Leos XIII. vom 20. April 1884 schließlich ihren Höhepunkt fanden.

Dann folgten die politischen Verschärfungen der Anti-Freimaurerei unter der Einwirkung wuchernder Verschwörungsmythen. Für deren – meist im extrem rechten Spektrum der Politik angesiedelten – Vertreter war und ist der Freimaurerbund nicht nur religionsfeindlich, sondern langfristig und strategisch auf Aushöhlung der gesellschaftlichen Ordnung, auf gezielten Machterwerb, ja auf Weltherrschaft angelegt. Dabei wird die Freimaurerei meist in eine Verbindung mit anderen Gruppierungen gerückt, wobei die Behauptung einer jüdisch-freimaurerischen Verschwörung vor allem im Deutschland der Weimarer Republik eine besonders verhängnisvolle Rolle spielte.

Werfen wir zum Schluss noch einmal einen Blick auf die Freimaurer-Images oder Außenbewertungen der Freimaurerei, mit denen wir es heutzutage in Deutschland zu tun haben, und auf die die deutschen Freimaurer reagieren sollten, wenn auch auf verschiedene, der jeweiligen Herausforderung angemessene Weise.

Vielleicht lassen sich für diese Images acht wichtige Vertreter-Gruppen unterscheiden:

Da sind erstens die Anhänger alter und neuer Verschwörungsmythen, die das „Objekt ihrer Begierde“ – die bösen Freimaurer und ihre Bundesgenossen – keinesfalls verlieren wollen und mit denen man weder diskutieren kann noch soll.

Da sind zweitens die nicht wenigen Menschen, die auf irgendeine Weise immer noch Denkvorstellungen und Befürchtungen des Volksaberglaubens anhängen, woraus dann eine diffuse Abwehrhaltung und Berührungsangst gegenüber der Freimaurerei resultiert: Ein Wohltätigkeitsbuffet des Rotary-Clubs? „Prächtig, da gehen wir hin.“ Eine ebenso wohltätige Reibekuchenbude der Freimaurer? „Nein danke, lieber nicht, man kann schließlich nicht wissen, was die da alles hineinbacken.“ Da gilt es für die Freimaurer nur, mit schlichter, bürgerlicher Normalität zu überzeugen.

Da sind drittens die Kirchen, die – wie die katholische – entweder wissen, aber nicht mögen, wie die Freimaurerei es mit der Religion hält, oder die es – wie die evangelische – bei allem Wohlwollen doch noch etwas genauer wissen will: hier sollte die deutsche Freimaurerei auf redlich-seriöse Weise gesprächsbereit sein, zuvor allerdings das Verhältnis zwischen Freimaurerei und Religion in ihren eigenen Kolonnen sorgfältiger klären.

Da ist viertens die Wissenschaft, die sich mehr und mehr mit der Freimaurerei beschäftigt, und die Unterstützung verdient, wie und wo immer Freimaurer dazu in der Lage sind. Die externe Freimaurerforschung ist das Gewissen der Freimaurerei, weil sie hilft, Eigenverdunkelungen zu überwinden und sich selbst besser zu erkennen.

Da sind fünftens die Vertreter der Politik, des Staates und der Kommunen, die der Freimaurerei meist wohl gesonnen sind und deren redliche und offene Gesprächspartner Großlogen und Logen zu sein haben.

Da sind sechstens die Medien, in denen angemessen vertreten zu sein, Freimaurer sich auf seriöse Weise bemühen sollten, wobei im Hinblick auf die Welt der bunten und bewegten Bilder Zurückhaltung am Platze ist. Arkandisziplin heute sollte nicht zuletzt bedeuten, sich in der Öffentlichkeit nicht lächerlich zu machen.

Da ist siebtens die intellektuelle, die kulturelle Öffentlichkeit, die Öffentlichkeit gesellschaftlich relevanter Diskurse. Hier sollten sich die Freimaurer um gehaltvolle Präsens bemühen, denn wenn sie etwas zu sagen haben, dann sollten sie es auch sagen, denn besser, als die Stimmen anderer zu prämieren, wäre es, mit eigener Stimme im gesellschaftlichen Diskurs vernehmbar zu sein.

Schließlich und achtens ist da so etwas wie die Gesellschaft im Allgemeinen, die u.a. aus den Menschen zusammengesetzt ist, die in die Logen kommen und fragen, wer die Freimaurer sind und was sie zu sagen haben, und die vielleicht in den Logen als zukünftige Brüder mittun wollen.

Nicht zuletzt in der Kommunikation mit diesen Menschen käme es darauf an, sich der eigenen maurerischen Identitäten klarer bewusst zu werden und ein deutliches Bild davon zu vermitteln, was Freimaurerei ist und was sie nicht ist. Gerade die „Suchenden“ müssen rechtzeitig erkennen können, dass es unterschiedliche Formen und Verständnisse von Freimaurerei gibt, die der Redlichkeit halber nicht verwischt werden und erst nach der Aufnahme sichtbar werden dürfen.

Letztlich noch etwas, was mir ganz wichtig ist: Jede Definition und jede öffentliche Darstellung der Freimaurerei, die vom Ritual ausgeht, muss in die Irre führen. Ritualpräsentationen in der Öffentlichkeit, die freimaurerische Tempelszenen und Symbole zur Schau stellen ohne den Kontext von Freundschaft und Geselligkeit, von Ethik und Moral in den Vordergrund zu stellen, führen zur Dominanz obskurer Bilderwelten und verfälschen den Charakter unseres Bundes – jedenfalls aus der Sicht eines Freimaurers, der sich in der Tradition von Humanismus und Aufklärung versteht.

Das freimaurerische Ritual ist Bestandteil eines Gesamtsystems, das es in sich aufgenommen hat, um Freundschaft und Moral im Menschen zu befestigen. Es ist Menschenwerk, es ist nicht mit göttlicher Offenbarungskraft ausgestattet, es ist nicht Element einer Ersatzreligion, trage sie christlichen, trage sie esoterischen Charakter.

Aus einem solchen Verständnis ergibt sich: Erst eine klare und vernünftige Gesamtdarstellung der Freimaurerei erlaubt es, sinnvoll über das Ritual in der Öffentlichkeit zu sprechen, wobei auf die Präsentation missverständlicher Bilderwelten und – was die Brüder Freimaurer betrifft – auf schurzbekleidete Auftritte in der Öffentlichkeit soweit es immer geht verzichtet werden sollte.

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