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Großloge Zur Sonne

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Inhaltsverzeichnis

Großloge Zur Sonne

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Die Großloge "Zur Sonne" in Bayreuth wurde 1741 durch Markgraf Friedrich von Brandenburg-Bayreuth als Schloßloge gegründet.

  • 1744 erklärte sich die Schloßloge zur Mutterloge und begann ab 1757 mit Gründungen von Tochterlogen zu Ansbach und Erlangen.
  • 1764 ging sie zur "Strikten Observanz" über, mit der Folge, daß die Bruderschaft, die mit dem Übergang nicht einverstanden war, ihre Arbeit von 1765 bis 1779 einstellte.
  • 1791 erfolgte der Anschluß an die Berliner Großloge "Zur Freundschaft",
  • 1810 verließ sie diese Großloge und ernannte sich selbst zu einer solchen.
  • 1811, als Bayreuth an Bayern fiel, wurde sie die "Große Provinzloge "Zur Sonne"".
  • 1902 gründete sie einen "Engbund" (darunter ist zu verstehen eine wissenschaftliche Vereinigungen von Freimaurern, die bereits den Meistergrad besitzen).
  • 1932 bestand sie aus 45 Logen mit 4000 Brüdern. Sie wandelte sich dann in die "Gesellschaft zur Pflege deutscher Kultur" um, die im 3. Reich aufgelöst wurde.

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Geschichte

Zeitfragen

Im Mai 1948 fand zum ersten Mal nach dem Verbot durch die Nazis im Gebäude der Erlanger Freimaurerloge "Libanon zu den 3 Zedern" der erste Großlogentag "Zur Sonne" statt. Die im Jahre 1741 gegründete Großloge gehört zu den größten deutschen Logen. Amerika, Frankreich und die Tschechoslowakei entsandten Vertreter. - Ein Stuhlmeister während einer Zeremonie in der Großloge.>br>Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-W1028-507 / CC-BY-SA
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1932: Offener Brief von Richard Schlesinger, Großmeister der Großloge von Wien, an die 'Großloge zur Sonne'

Die „Wiener Freimaurer-Zeitung" veröffentlichte im Herbst 1932 einen offenen Brief des Großmeisters der Großloge von Wien, Br. Dr. Richard Schlesinger, an den zugeordneten Großmeister der Großloge „Zur Sonne", Orient Bayreuth, Br. Dr. Bernhard Beyer, der von außerordentlicher Be­deutung ist.


"Wenn ihr aber in ihm (d. i. in einen fremden Bruder) einen echten, wirklichen Bruder entdeckt, so ehrt ihn als solchen." Aus den „Alten Pflichten", VI, 6.


Lieber Bruder! Sie haben in den Mitteilungen der Großloge „Zur Sonne" "Nr. 1, neunter Jahrgang 1932/33 unter der Überschrift „Brennende Tagesfragen" sich eingehend mit dem letzten Jahresberichte der Großloge von Wien befasst. Es ist nicht das erste Mal, dass unsere Großloge und ihre Äußerungen zum Gegenstand der Kritik von Brüdern Freimaurern ge­worden sind. Dieses Mal scheinen mir die Person des Kri­tikers und der Inhalt seiner Betrachtungen über unsere Groß­loge so wichtig, dass ich als verantwortlicher Leiter unserer Bruderkette es nicht unterlassen möchte, mich selbst mit diesem Kritiker, das ist mit Ihnen, lieber Bruder, aus­einanderzusetzen.

  • Die Großloge „Zur Sonne" von Bayreuth hat, ebenso wie die anderen humanitären Großlogen Deutschlands, die Tatsache, dass wir die Symbolische Großloge von Deutschland anerkannt haben, zum Anlasse genommen, um die Be­ziehungen zu uns abzubrechen — was in dem von Br. Misar. verfassten Jahresberichte der Großloge von Wien ihren Brüdern mit ehrlichem Bedauern zur Kenntnis gebracht wurde. Sie, lieber Bruder, bezweifeln, dass dieses Bedauern aufrichtig ist — anders kann Ihre Redewendung, „wenn es wahr wäre, was Br. Misar schreibt", nicht verstanden werden. Sollte Ihnen hier nicht ein Lapsus Calami unterlaufen sein, so müssen Sie, lieber Bruder, mir schon gestatten, zu erklären, dass ich niemandem das Recht zubillige, an der Aufrichtigkeit unserer Erklärungen zu zweifeln. Aber lassen wir diese pein­lichen Exkurse über das, was in einer Polemik unter Brüdern noch als schicklich angesehen werden kann. — Sie meinen, dass der Abbruch der Beziehungen zwischen Ihrer und meiner Großloge trotz der Anerkennung der Symbolischen Großloge von Deutschland zu vermeiden gewesen wäre, wenn diese An­erkennung „unter anderen Formen" erfolgt wäre.

Sie stellen sich offenbar die Sache so vor, dass wir uns mit den humanitären Großlogen — ich bin sehr gerne bereit, Ihnen zuzustimmen, dass ein wesentlicher Unterschied in der Auffassung der altpreußischen Großlogen von jener der humanitären über das Wesen der Freimaurerei besteht — hätten zusammensetzen und über die Frage der Regularität mit ihnen verhandeln sollen. Aber eine Verständigung gerade über diesen Punkt, lieber Bruder, halte ich für völlig aus­geschlossen und den Versuch zu einer solchen Verständigung für nichts als eine leere Formsache.

Damit Sie nicht aber auch mir den Vorwurf machen, ich hätte Unbewiesenes behauptet, so verweise ich auf die auch von Ihrer Großloge unterschriebene, der öffentlichen Presse übergebene „Erklärung", worin sich die sämtlichen deutschen Großlogen über die Gründung der Symbolischen Großloge äußern. Es heißt darin: „Die deutschen Großlogen erheben feierlich Einspruch gegen diese undeutschen Gründungen, die sie auf das entschiedenste ablehnen. Ihre freimaurerische Anerkennung ist wie für die Gegenwart so auch für die Zu­kunft ausgeschlossen." Weiter heißt es in dieser Erklärung, „dass weder der Oberste Rat in Deutschland noch die Symbolische Großloge, wie die von ihr gegründeten bestehenden oder späteren Logen, mit den alten deutschen Logen verwechselt werden dürfen, und dass deren Mitglieder als deutsche Freimaurer nicht angesehen werden können. Ihre Äußerungen, ihre Handlungen, ihr Wesen haben mit der alten deutschen Freimaurerei nichts zu tun".

Was hätte unter solchen Umständen eine Unterhaltung zwischen unseren Großlogen über die freimaurerische Neu­gründung für einen Zweck, wenn Ihre Großloge erklärt, die freimaurerische Anerkennung der Symbolischen Großloge von Deutschland sei auch für alle Zukunft ausgeschlossen?

Sämtliche deutschen Großlogen wollen eben die Sym­bolische Großloge von Deutschland nicht. Ob diese von einem Supreme Conseil befugterweise eingesetzt wurde, ist für mich — verzeihen Sie mir das offene Wort — eine Frage letzter Ordnung. Darum geht der Streit nicht. Gestehen wir es uns doch endlich einmal ein, dass die Einstellung der deutschen, auch der humanitären, Freimaurerei zu den für uns wich­tigsten Fragen: Abbau des Völkerhasses, Herbeiführung des inneren und äußeren Friedens, Pflege der internationalen Beziehungen in der Freimaurerei, eine ganz andere als die der österreichischen und der ihr gesinnungsverwandten Maurerei der Symbolischen Großloge von Deutschland ist. Sie bestreiten, dass jemand aus Ihrer Großloge wegen seiner Überzeugung ausgeschlossen worden ist, und es fällt mir nicht ein, die Richtigkeit Ihrer Behauptung anzu­zweifeln. Aber es handelt sich ja nicht um die Über­zeugung, sondern um die Betätigung derselben.

Die Groß­loge von Bayreuth verbietet, wie Sie selbst sagen, ihren Mitgliedern den Besuch internationaler maurerischer Kon­gresse und die Mitgliedschaft bei der Allgemeinen Freimaurerliga. Dies heißt doch nichts anderes, als dass sie die Übertretung dieses Verbotes als ein nach den Satzungen Ihrer Großloge zu ahndendes freimaurerisches Vergehen behandelt. Die Begründung für dieses Verbot, dass nämlich die All­gemeine Freimaurerliga „weiter nichts ist als ein Sprach­rohr der „romanischen Freimaurerei", sind Sie uns, lieber Bruder, schuldig geblieben. Freilich gebe ich gerne zu, dass die Gründung der Allgemeinen Freimaurerliga mit eine Mög­lichkeit schuf, dass Brüder deutscher und französischer (wenn Sie von Romanen sprechen, meinen Sie doch wohl haupt­sächlich die französische) Zunge miteinander friedlich ver­kehren und sich über allgemeine freimaurerische Fragen aussprechen können.

Dass es bei solchen Gelegenheiten ge­schieht, dass sich deutsche Brüder von französischen belehren und beeinflussen lassen, ist ebenso wie der umgekehrte Fall sicherlich möglich und schadet auch nichts. Ich komme auf dieses Thema noch einmal zurück.

Und nun wieder zu dem von Br. Misar verfassten Tätig­keitsbericht der Großloge von Wien. Vorerst erkläre ich, dass dieser Tätigkeitsbericht Wort für Wort von mir und von der gesamten Großloge gutgeheißen wurde. Wir sind mit Br. Misar einig in dem schmerzlichen Bedauern darüber, dass, um ein von mir bei der Johannisfeier der Großloge im Jahre 1931 gebrauchtes Wort zu wiederholen, deutsche Großlogen den jetzigen Zeitpunkt geeignet gefunden haben, die Beziehungen zu einem deutschen Kulturfaktor, wie die Großloge von Wien einer ist, abzubrechen. Wir sind mit Br. Misar aber auch darin einig, dass wir den Abbruch der Beziehungen, und zwar gerade mit den humanitären Groß­logen, haben kommen sehen. Der Sturmzeichen gab es mehrere. Der Briefwechsel zwischen dem Großmeister der Großloge von Hamburg und dem Führer der national­sozialistischen Bewegung in Deutschland war geeignet, das stärkste Befremden bei der Großloge von Wien zu erregen. Wir hatten gedacht, dass der Schritt des Großmeisters einer humanitären Großloge, des Br. Bröse, in der gesamten deut­schen humanitären Freimaurerei eine scharfe Abfuhr er­fahren werde. Nichts von all dem geschah.

Vielleicht hätte die Großloge von Wien mit vollem Rechte verlangen können, dass die humanitären Großlogen sich mit uns vorerst darüber verständigen, ob mit einer Partei, die auf ihre Fahne den Kampf gegen die Freimaurerei bis aufs Messer geschrieben hat, in Korrespondenz getreten werden soll. Wir konnten es nicht verstehen, dass solche verzweifelte und aussichtslose Anstrengungen gemacht werden, um die Gunst eines ge­schworenen Feindes der Freimaurerei zu erringen.

Nun können Sie, lieber Bruder, mir entgegenhalten, dass Ihre Großloge mit diesem Schritte des Großmeisters der Großloge von Hamburg nichts zu tun hat. Allein auch in Ihrer eigenen Großloge haben sich Dinge ereignet, die zu der von Ihrer Bruderkette bislang geübten Toleranz in schroffem Gegensatze stehen. Wir kommen nicht darüber hinweg, dass auf dem Großlogentag der Groß­loge von Bayreuth vom Jahre 1931 auf Antrag der Heidel­berger Loge „Ruprecht zu den fünf Rosen" folgende drei Thesen angenommen wurden:

  • 1. Jeder Freimaurer, jede Loge, jede Großloge muss religiösen Glauben und Willen als für sie bindend aner­kennen.
  • 2. Nur die alten Großlogen werden in Deutschland anerkannt.
  • 3. Jede Verbindung mit Systemen und Vereinigungen, die von jenen alten abweichen, insbesondere solchen, die Politik treiben, wird abgelehnt (speziell die französische Freimaurerei, Liga, A. u. A. Schottischer Ritus).

Br. Paul Selter meint in seinem an Ihren Großmeister, Br. Kölblin gerichteten Briefe vom 12. Juli 1931: „Damit hat der nationale und religiöse Orthodoxismus („die Heidel­berger Gedanklichkeit", sagt der Jahresbericht) die Groß­loge ,Zur Sonne' ganz ergriffen." Ob Br. Selter mit dieser Behauptung recht hat oder nicht, muss ich besseren Kennern der internen Verhältnisse Ihrer Großloge überlassen, als ich es bin.

Aber vielleicht werden Sie, lieber Bruder, es jetzt be­greifen, wenn die Großloge von Wien es nur als eine Frage der Zeit ansah, wann die Beziehungen der humanitären deutschen Freimaurerei zu uns abgebrochen werden. Wäre es nicht die Anerkennung der Symbolischen Großloge von Deutschland gewesen, so hätte sich ein anderer Anlass ge­funden, dessen können Sie sicher sein. Wir wissen, dass der Pazifismus als Programmpunkt von den deutschen Großlogen abgelehnt wird.

Der Pazifismus der Großloge von Wien ist oft und bedauerlicherweise auch von Ihnen missverstanden worden. Sie nennen ihn phrasenhaft und steril, offenbar vom Goethe-Wort ausgehend, dass man im Deutschen lügt, wenn man höflich ist.

Unser Pazifismus ist der unseres unvergesslichen Br. Alfred Hermann Fried. Wenn seinerzeit die Preisrichter diesem Bruder den Nobelpreis zuerkannt haben, so scheinen sie in der Beurteilung der angeblichen Phrasenhaftigkeit nicht auf der von Ihnen, lieber Bruder Beyer, betretenen Ebene zu stehen. Wenn Sie unseren Pazifismus steril nennen, so glaube ich, dies so verstehen zu müssen, dass er nicht nur gegenwärtig keine Früchte trägt, sondern für alle Zeiten unfruchtbar bleiben wird.

Lieber Bruder, lassen wir das Prophezeien. Ich werde Ihnen einige kleine Bei­spiele, von denen Sie wahrscheinlich bisher nichts gewusst haben, aufzeigen, aus denen Sie vielleicht eine andere An­schauung gewinnen werden. Sie wissen, dass wir Frei­maurer unsere Taten nicht an die große Glocke hängen, insbesondere dann nicht, wenn wir dann nicht nur uns, sondern auch der Sache schaden könnten. Dass wir seit jeher jede profane Friedensarbeit mit Geldmitteln unterstützen, dass wir einzelne Aktionen zugunsten konkreter Friedensarbeit überhaupt erst möglich gemacht haben, dass eine Reihe von Brüdern in den verschiedensten Friedensorganisationen hervorragend tätig sind, dass die Groß­loge von Wien gemeinsam mit der österreichischen Friedens­gesellschaft am 29. Internationalen Weltfriedenskongreß zu. Wien (4. bis 9. September 1932) eine von dem Universitäts­professor Dr. Friedrich Hertz verfasste Denkschrift „Die Wirtschaftsnot in Mitteleuropa und der Weltfriede" (inhalt­lich und besonders sachlich wohl eine der bedeutendsten Publi­kationen des Kongresses) vorgelegt hat, dürfte Ihnen ebenso wenig bekannt sein wie die Tatsache, dass unsere Arbeit auch der inneren Befriedung gilt.

Als im Jahre 1928 der innere Friede durch Aufmärsche bewaffneter Formationen ständig gefährdet war, hat die Großloge eine Aktion der Liga für Menschenrechte unterstützt, die in wirksamer Weise zur Beruhigung der Bevölkerung beigetragen hat. Die Groß­loge von Wien unterstützte ein von der Frauenliga für Frieden und Freiheit veranstaltetes Preisausschreiben pazifi­stischer Tendenz für Schüler und Schülerinnen der Volksschulen mit einem sehr namhaften Betrage. 20 000 Schüler und Schülerinnen haben sich an diesem Wettbewerbe beteiligt.

Zur Zeit der Ruhrbesetzung hat die Großloge an eine Reihe neutraler Großbehörden ein Rundschreiben gerichtet und diese Großbehörden zur Intervention gegen die Besetzung aufgerufen.

Freilich konnten alle diese Aktionen noch nicht bewirken dass das goldene Zeitalter des Friedens schon angebrochen ist; aber glaubte denn jemand wirklich, dass die Friedensidee nach jahrtausendelangem Kampfe aller gegen alle in zwanzig Jahren die Welt erobern werde? Trotzdem heißt es diese unendlich mühsame Kleinarbeit völlig verkennen, wenn man sie „steril" nennt. Und nun nochmals zu der Großloge von Wien zurück­kehrend, erkläre ich Ihnen, lieber Bruder, folgendes: Die Wiener Großlogenleitung hat niemals Unwahrheiten die von Scharfmachern über Ihre Großloge verbreitet worden sind, irgendeinen Glauben geschenkt. Sie hat sich, um eine juristische Redewendung zu gebrauchen, immer nur auf den Urkundenbeweis gestützt. Aber so befremdend und so schmerzlich der Großloge von Wien manche urkundlich fest­gelegten Äußerungen der humanitären Großlogen erschienen sind, so hat sie doch, von der Überzeugung beseelt, dass alle Großlogenleitungen bei jedem ihrer Schritte nach bestem Wissen und Gewissen vorgegangen sind, niemals selbst die Verbindung mit einer Großbehörde gelöst.

Den deutschen Großbehörden war es vorbehalten, der Großloge von Wien gegenüber einen Schritt zu tun, der zu unserem Leidwesen bezeugt, wie wenig Achtung man der freimaurerischen Überzeugung anderer Brüder entgegenbringt, von deren ernster und schwieriger Arbeit gerade Sie, lieber Bruder, einige Kenntnis haben sollten.


Ich möchte aber noch den prinzipiellen Gegensatz be­tonen, der sich zwischen mir, beziehungsweise meiner Groß­loge und den deutschen Großlogen, auch den humanitären, auftut. Man weiß es von mir, und ich habe dies nicht nur in meinen Ansprachen, sondern auch insbesondere anlässlich der Zehnjahrfeier unserer Großloge in dem Vorworte zu deren Festschrift bemerkt, dass Formfragen bei uns eine untergeordnete Rolle spielen. Unsere Auffassung von dem Wesen eines richtigen Freimaurers ist und bleibt die dass er ein anständiger, freier Mann von gutem Rufe sein,' dem Sittengesetze gehorchen und bestrebt sein soll, seinen Mit­menschen gegenüber Duldung und Achtung an den Tag zu legen. Besitzt er diese Eigenschaften, dann gehen wir bei der Beantwortung der Frage „woher er kam" weniger streng ins Gericht. Ich weiß, dass diese Auffassung von anderen Großbehörden nicht geteilt wird. Wir anerkennen vorbehaltlos das Recht jeder Großloge, in diesem Punkte ihre eigenen Grundsätze zu haben und deren Befolgung von ihren Brüdern zu verlangen. Aber niemals werden wir den Ge­dankensprung verstehen, dass Brüder deswegen, weil sie die Sache vor die Form setzen, vom brüderlichen Verkehr aus­geschlossen sein sollen.


Darüber helfen keinerlei Betrach­tungen und keinerlei Berufungen auf Tradition und weiß Gott was hinweg. Daher verstehen wir aber auch nicht, warum unsere Beziehungen zu den romanischen Brüdern stets den Gegen­stand argwöhnischer Untersuchungen seitens deutscher Groß­behörden bilden müssen. Jedenfalls haben wir von den freimaurerischen Bestrebungen romanischer, insbesondere fran­zösischer Brüder, einen anderen Eindruck empfangen als er Ihnen, lieber Bruder, durch den Bericht eines Bruders Lötz in Koblenz über eine in Luxemburg - wohlgemerkt im Jahre 1912 - vorgefallene Episode vermittelt worden ist. Ich muss gestehen, dass ich schon Geschmackvolleres als diesen Bericht gelesen habe. Wir erfahren, dass bei einem Festessen in Luxemburg, an welchem Deutsche und Franzosen, aber nicht nur Brüder, sondern auch Frauen und Kinder teilnahmen, ein vorzügliches Menü und besonders gute Weine, letztere in reichlicherer Fülle als das Essen verabreicht wurden. Wir erfahren von einer tadellos objek­tiven Haltung des Vorsitzenden Br. Bernardin und von erregten politischen, auf Elsass-Lothringen bezughabenden Tischreden, die ein Bruder C, ein Bruder N und ein Bruder S. führten. Dass der Bruder C. ein Festmahl für den richtigen Ort ansah, um die Elsass-lothringische Frage an­zuschneiden und sie vor französischen Brüdern dahin zu erledigen, dass Elsass-Lothringen nunmehr bei Deutschland bleiben müsse, dass daraufhin ein Pariser Bruder, aufge­stachelt durch seinen Knaben, zu wettern begann, und dass schließlich das Ganze in einen Tumult ausartete, beweist mehreres:

  • 1. dass man freimaurerische Angelegenheiten nicht un­nötigerweise vor Frauen und Kindern erörtern soll;
  • 2.dass man anlässlich freimaurerischer Festlichkeiten nicht über Fragen politischer-Natur diskutieren darf;
  • 3. dass es nie gut ist, wenn ein Bruder Wein, den er nicht verträgt, in zu großen Mengen zu sich nimmt.

Diese ganze Geschichte zeigt, dass vor 20 Jahren einige deutsche und französische Brüder sich in Taktlosigkeiten ergingen, die nach der Meinung der Brüder selbst auf den starken Weingenuß zurückgeführt wurden. Bruder Lötz berichtet, dass dann sofort eine Versammlung in der Loge einberufen wurde, wo ein Bruder S. seine Ungezogenheiten zurücknahm und die Gegner sich durch Bruderkuss ver­söhnten.

Bruder Beyer möge mir verzeihen, wenn ich aus dieser ganzen Darstellung nicht zu entnehmen vermochte (was Ihnen, lieber Bruder, offenbar gelungen ist), wie es auf internationalen Maurerkongressen, „wo die Romanen schon von jeher das große Wort geführt haben", zugeht. Die romanischen Brüder mögen sich dafür bedanken, dass Wirts­hausszenen, an denen sich Frauen und Kinder beteiligten, mit den Vorgängen auf romanischen Maurerkongressen auf gleiche Stufe gestellt werden. Dass deutsche und romanische Brüder sich mit gleichem Takt, mit gleicher brüderlicher Höflichkeit zu benehmen pflegen, davon konnte Bruder Beyer sowohl im Jahre 1928 in Wien als auch im Jahre 1930 in Prag sich überzeugen.

Zum Schlusse noch ein Wort über das Kapitel Vater­landsliebe. Ich erkläre hier, dass die Liebe zum Vater­lande nicht nur eine in der Konstitution der Großloge von Wien den Brüdern auferlegte Pflicht ist, sondern dass die österreichischen Brüder genauso wie die deutschen oder wie die romanischen an ihrem Vaterlande hängen. Die öster­reichischen Brüder haben es eben als eine Selbstverständ­lichkeit angesehen, dass sie mit ihrem armen, beispiellos unglücklichen Vaterlande leiden. Sie haben genau so wie ihre deutschen Brüder im Reich das furchtbare Schicksal des Krieges mitgemacht und tragen jetzt schwer an der ent­setzlichen wirtschaftlichen Not der Nachkriegsjahre. Es ist aber der österreichischen Freimaurerei nicht eingefallen, bloß, um sich ihre Vaterlandstreue attestieren zu lassen, hilfesuchend sich an Personen zu werden, denen sie das Ver­ständnis für freimaurerische Ideale abspricht.


Möchte doch die deutsche Freimaurerei den prachtvollen Nachruf, den Br. Posner in der Zeitschrift „Die drei Ringe" dem in den ewigen Osten eingegangenen italienischen Groß­meister Torrigiani widmet, beherzigen. Posner fällt über die romanische Freimaurerei ein wesentlich anderes Urteil als Sie, lieber Bruder. Er schreibt: „Die italienische Frei­maurerei ist unter Torrigianis Führung niemals von der gegebenen internationalen Linie bei allem südlich kochen­den Nationalismus abgerückt ... sie ist blutig erschlagen worden, aber sie ist stolz untergegangen in dem Bewusstsein, ihren Platz ausgefüllt zu haben und vor sich selbst ehrlich geblieben zu sein."


Ich wünsche vom Herzen, dass die österreichische, ebenso wie die deutsche, Freimaurerei vor dem grausamen Schick­sale, ihrer italienischen Schwester bewahrt bleibe. Ich hoffe, dass weit über die mir vom Schicksal noch bestimmten Lebensjahre hinaus die Großloge von Wien an den ihr ge­setzten Aufgaben weiter arbeiten wird. Und es wäre mir Freude und Beruhigung, wenn die zwischen uns und den Brüdern im Reiche jetzt vorwaltenden Missverständnisse und Spannungen bald wieder einem vorurteilslosen gegenseitigen Verstehen und einem herzlichen brüderlichen Verkehre Platz machen. Dazu ist auf beiden Seiten nur einiger guter Wille nötig. Bei uns ist er vorhanden; dass er sich auch auf deut­scher Seite einstelle, dazu könnten Sie, lieber Bruder, vieles beitragen.

Ich habe mir den vorstehenden Brief vom Herzen ge­schrieben. Ich musste es tun, so sehr auch die Erörterung freimaurerischer Zerwürfnisse in der Öffentlichkeit meinem Wesen zuwiderläuft. Vielleicht ist aber jetzt die Luft reiner geworden und das gegenseitige Zusammenkommen erleichtert.

Ich begrüße Sie, lieber Bruder, in aufrichtiger brüder­licher Wertschätzung und Hochachtung Dr. Richard Schlesinger, Großmeister. Wien, im September 1932."

Der Österreicher Richard Schlesinger starb am 5. Juni 1938 als SS-Gefangener. Er war in Gefangenschaft, weil er Freimaurer war. Weitere ca. 100 Brüder aus Österreich sind dort namentlich bekannt. "1933 wurden 62 Freimaurer von Nazis ermordet, 238 wurden aus Deutschland vertrieben und 53 wurden In Konzentrationslager gebracht. 377 Freimaurer wurden aus ihren Ämtern und Berufen entlassen und 44 nahmen aktiv am Widerstand gegen das Regime teil." Um einen stellvertretend zu nennen: Wilhelm Leuschner, Innenminister des Volksstaates Hessen und Freimaurer. Am 29. September 1944 wurde Wilhelm Leuschner im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet.

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