Die drei kleinen Lichter der Freimaurerei

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Autor: Philipp Gerlach

Die drei kleinen Lichter als Weisheit/Stern, Stärke/Mond und Schönheit/Sonne auf einer Münze.

Die drei kleinen Lichter sind ein zentraler Bestandteil der Lichtsymbolik in der Freimaurerei. Sie werden von den drei großen Lichtern unterschieden, welche die ethischen Grundlagen des Bundes repräsentieren. Während die großen Lichter über eine klare Zuordnung verfügen (Buch, Winkelmaß und Zirkel), gibt es mehrere Entsprechungen der drei kleinen Lichter. [1]

Historische Entsprechungen

In den ältesten erhaltenen Ritualniederschriften ist nur von "drei Lichtern" die Rede. Zunächst wurde also nicht zwischen den großen oder kleinen Lichtern unterschieden. Die Zuordnung der "drei Lichter" variierte zudem.[2] Zum Beispiel:

  • Im 'Edinburgh Register House Manuscript' (1696) stehen sie für den Meister, den Aufseher und den Gesellen.
  • Im 'Sloane Manuscript' (~1700) stehen sie für die Sonne, den Meister und das Winkelmaß (evtl. auch Reißbrett; "the sun, the master and the square")
  • In 'The Grand Mystery of Free-Masons Discover’d' (1724) stehen sie für den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist

Aktuelle Entsprechungen

Personifikationen der drei kleinen Lichter als Weisheit, Stärke und Schönheit auf Strichätzungen von Jens Rusch.

Auch heutzutage existieren mehrere Zuordnungen parallel, die sich je nach Lehrart ergänzen oder überschneiden. Am verbreitetsten sind:

Beide Zuordnungen schließen sich nicht wechselseitig aus und können sich sogar ergänzen.

Weisheit, Stärke, Schönheit

Die drei kleinen Lichter als die drei hohen Kerzenleuchter um den Arbeitsteppich.

Besonders in deutschen Logen ist das Öffnen und Schließen der Loge von rituellen Gebräuchen geprägt. Dazu gehört das Entzünden dreier Kerzen, die in der Mitte des Tempelraums an den drei Ecken der Arbeitstafel stehen — meist auf Säulen, teils auch auf Kerzenleuchtern. [3] Die Lichter sind hierbei in der Regel den drei hammerführenden Beamten zugeordnet und korrespondieren teilweise mit den klassischen Säulenordnungen:[4]

  • (Ionische) Säule der Weisheit: Zugeordnet dem Meister vom Stuhl. Sie symbolisiert die Planung und geistige Leitung.
  • (Dorische) Säule der Stärke: Zugeordnet dem 1. Aufseher. Sie symbolisiert die Ausführung und Festigkeit.
  • (Korinthische) Säule der Schönheit: Zugeordnet dem 2. Aufseher. Sie symbolisiert die Harmonie und die ästhetische Vollendung des Werks.

Diese Trias dient der Strukturierung der gemeinsamen Arbeit und stellt eine Auswahl der freimaurerischen Tugenden dar (neben z.B. Brüderlichkeit, Toleranz und tätiger Menschenliebe).

Das Entzünden der drei kleinen Lichter in einer Tempelarbeit.

Der Akt des Entzündens und Löschens wird meist durch Sinnsprüche begleitet.

  • Im Ritual der AFuAM beispielsweise:[4]
    • "Weisheit leite den Bau"
    • "Stärke führe ihn aus"
    • "Schönheit vollende ihn"
  • Im Ritual des FzaS beispielsweise:[5]
    • "Wissen ist Macht! Du Leuchte der Wahrheit, wandle die Nacht
zu sonniger Klarheit"
    • "Können ist Kraft! Du Leuchte der Stärke, Weise den Weg
zu dauerndem Werke!"
    • "Wollen zeigt Ziele! Du Leuchte der Güte, gieß deine Schönheit in unser Gemüte!"

Wie aus dem Kerzensprüchen des FzaS hervorgeht, wird sich nicht unbedingt streng an die Entsprechung der Kerzen zu den drei Tugenden gehalten (Wissen-Können-Wollen für Weisheit-Stärke-Schönheit)

Die Sonne, der Mond und der Meister

Eine ältere, mindestens seit dem Wilkinson Manuscript (1727) und Masonry Dissected (1730) bekannte, eher Deutung assoziiert die Lichter mit den drei Regenten: Die Sonne, der Mond und der Meister.[4]

  • Die Sonne regiert den Tag. Sie spendet das Licht, das für das Leben und die Arbeit notwendig ist. Symbolisch steht sie für das aktive, das warme Prinzip, die Emotionen und das männliche Geben.
  • Der Mond regiert die Nacht. Er steht für das passive, das kalte Prinzip, den Verstand und das weibliche Empfangen. In der Symbolik wird der Mond oft als das Reflektierende gesehen, das das Licht der Sonne widerspiegelt, um auch in der Dunkelheit Orientierung zu geben.
  • Der Meister regiert die Loge. Er soll die Brüder erleuchten (ihnen Wissen und Weisheit vermitteln) sowie über die Einhaltung der Ordnung der Loge wachen. (Gemeint ist der Meister vom Stuhl, nicht der Meistergrad.)

In einigen Lehrarten (z.B. in Arbeiten in I bis III des AASR) werden Sonne und Mond als physische Darstellungen im Osten, neben dem Meisterstuhl angeordnet.[6]

Interpretation

von Philipp Gerlach

Es handelt sich in der Gegenüberstellung von Geben (Sonne) und Nehmen (Mond) um keine Wertung. Das Passive wird nicht minder dem Aktiven gesehen — oder gar das Weibliche minder dem Männlichen. Vielmehr sollten beide Prinzipien, Sonne und Mond, als sich wechselseitig ergänzend verstanden werden.

Die Auflistung des Meisters an dritter Stelle stört in gewisser Weise die Ästhetik der Dualität von Sonne und Mond. Man kann die Nennung des Meisters jedoch auch als Auflösung eben dieser Dualität interpretieren, als Dialektik also: Von These über Antithese zur Synthese. In diesem Sinne vermittelt der Meister die beiden Pole, ohne einen von beiden zu negieren. Er bedarf keines Entweder-Oder — kein Gefühl oder Verstand. Der Meister weiß, um die Stellung beider Prinzipien in seinem Leben, kann diese abwägen und findet so, durch Maß und Mitte, zur harmonischen Lebensführung.

Uneinheitlichkeiten

Die Zuordnung ist, wie oben beschrieben, nicht universell. Während beispielsweise die meisten Logen der AFuAM dem Schema Weisheit-Stärke-Schönheit und Sonne-Mond-Meister folgen, gibt es in anderen Lehrarten Abweichungen:

Die drei kleinen Lichter als Sonne, Mond und flammender Stern auf einem Arbeitsteppich von Holger Ullmann

Trivia

Rein äußerlich sind die drei kleinen Lichter größer als die drei großen Lichter.

Die drei losen, Licht-spendenden Kerzen) habe eine fixe Entsprechung in den drei Licht-spendenden Fenstern ('um den Lauf der Sonne zu beobachten').[6]

Siehe auch

Die Einheit in der Dreiheit ist ein grundlegendes Konzept, in vielen Kulturen und Religionen. Mit der Dreiteilung reihen sich die drei kleinen Lichter daher in eine lange kulturelle Tradition, die in der Freimaurerei besonders ausgeprägt ist.[9] Siehe dazu:

Traktate zur Geschichte der großen und kleinen Lichter der Freimaurerei:

Anmerkungen

  1. Lennhoff, E., Posner, O. & Binder, D. (1932/2022). Licht. In: Internationales Freimaurerlexikon. Langen Müller.
  2. Carr, H., & Smyth, F. (1976). The Freemason at Work. Lewis Masonic.
  3. Lennhoff, E., Posner, O. & Binder, D. (1932/2022). Öffnen und Schließen der Loge. In: Internationales Freimaurerlexikon. Langen Müller.
  4. 4,0 4,1 4,2 AFuAM (2011): Lehrlings-Ritual der Großloge
der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland. Bauhütten-Verlag.
  5. FzaS (1914): Das feierliche Gebrauchtum des I. Grades.
  6. 6,0 6,1 z.B. AASR (2011): Lehrlingsritual. Jacob de Molay zum Nordstern.
  7. 7,0 7,1 Feddersen, KCF (1986): Die Arbeitstafel in der Freimaurerei. Band II: Die Symbolik der Arbeitstafel. Quatuor Coronati.
  8. Strikte Observanz (1764). Catechismus der str.(ikten) Ob.(servanz). https://www.digitale-sammlungen.de/en/view/bsb10446381?
  9. Im Christentum beispielsweise gibt es 3 Tugenden (Glaube, Liebe, Hoffnung), 3 Initiations-Sakramente (Taufe, Firmung, Eucharistie), 3 Weisen (Caspar, Melchior, Balthasar — vermutlich stellvertretend für die 3 damals bekannten Kontinente: Europa, Asien, Afrika). Jesus ist am 3. Tage auferstanden. Vor allem aber steht die Drei im Christentum für die Dreifaltigkeit. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind in ihrer Wesenheit eins, aber in ihren Äußerungen drei. Ihre Unterscheidung und gleichzeitige Einheit in der Dreiheit ist ein zentrales Dogma des Christentums in seiner heutigen Auslegung. Auch Rituale und Beschwörungen werden oft 3 mal wiederholt und erst mit der 3. Aussprache gültig. Selbst im Profanen steht die Drei oft für die Vollkommenheit. So sagen wir z.B. „aller guten Dinge sind drei“. Bei den antiken Griechen bildeten die 3 sprachlichen Fächer die klassischen Künste. Es handelt sich um formelle Korrektheit (Grammatik), inhaltliche Korrektheit (Dialektik) und Verständlichkeit (Rhetorik). Die Geometrie unterscheidet 3 räumlichen Dimensionen (Höhe, Länge, Breite). Gemeinsam bilden sie den euklidischen Raum.