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Ungarn

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Die ungarische Hauptstadt Budapest bei Nacht: Blick über die Donau aufs Zentrum vom Stadtteil Buda aus.
Ungarn ist eine Spur größer als Österreich und zählt 10 Millionen Einwohner; davon leben 1,8 Millionen in Budapest.
Logo der 'Symbolischen Großloge von Ungarn': gegründet 1886, hier mit 5886 angegeben - eine alte etwas aus der masonischen Mode gekommene Methode, die Jahreszahlen anzugeben (Jahr + 4000). Siehe: Zeitrechnung.

Inhaltsverzeichnis

Ungarn

Gestaltung der Seite: Rudi Rabe

Status 2016

Zur (regulären) 'Symbolischen Großloge von Ungarn’ (mit deutscher und österreichischer Hilfe 1989 gegründet) gehören 14 Logen, davon elf in Budapest und je eine in Szeged, Sopron und Gyöngyös; von den Budapester Logen arbeitet je eine in Deutsch ('Liszt'), in Englisch ('St. Stephen') und in Französisch ('France').

Im (französisch orientierten) 'Grand Orient’ (gegründet 1992 mit Hilfe der Loge Martinovics, die in Frankreich weiterbestand) arbeiten sieben Logen, davon fünf in Budapest und je eine in Pécs und in Szeged.

Es gibt noch eine Loge im (gemischten) 'Droit Humain' und eine, die zur 'Frauen-Großloge von Frankreich' gehört.

Eine ungarische Besonderheit: Der Schottische Hochgrad ist nicht nachgeordnet; er arbeitet gleichberechtigt neben den blauen Logen.

Mitgliederstand: zusammen etwa 700; davon gehören mit 400 Brüdern mehr als die Hälfte zur 'Symbolischen Großloge'. - Quelle: hier

Der jährliche Mitgliederzuwachs wird regelmäßig geschwächt, weil viele neu Aufgenommene ihre Netzwerk-Erwartungen nicht erfüllt sehen und daher wieder austreten. Ein Insider: Wie in einigen anderen ost- und südosteuropäischen Ländern hat die Freimaurerei auch in Ungarn die für sie so wichtige Mittelschicht noch nicht wirklich erreicht. Sie steht zu sehr unter der Führung einflussreicher Geschäftsleute, die durch ein paar Professoren ergänzt werden. Außerdem sind jedenfalls in Ungarn der Staat und die Kirche gegen die Freimaurer.

Zur Entwicklung der ungarische Freimaurerei seit den Anfängen im 18. Jahrhundert siehe auch:
Zwei Jahrhunderte Ungarische Maurerei – eine Achterbahn


Peter Stiegnitz: „Vor uns die glorreiche Vergangenheit!“

Wien im November 2013: Ein Vortrag über Geschichte und Gegenwart der Freimaurerei in Ungarn.
Peter Stiegnitz (1936 - 2017) war ungarischer Abstammung. Er lebte ab 1956 in Wien und war dort Mitglied der Loge 'Zum rauhen Stein'.

„Vor uns die glorreiche Vergangenheit“: Mit diesen fünf Wörtern kann man am besten die heutige Politik in Ungarn und auch die der Symbolischen Großloge des Landes beschreiben.
 Auf eine trübe Gegenwart und einer aussichtlosen Zukunft des Landes reagieren die Ungarn mit einer wehleidigen, feindbildreichen Verantwortungs-Abschiebung der eigenen Probleme. „Schuld“ an der eigenen Misere, so die vorherrschende Meinung in Ungarn „sind immer die anderen!“

So bleibt dem Land, von der Regierung kräftig unterstützt, nichts anderes übrig, als mit der angeblich so „glorreichen Vergangenheit“ die Schrecknisse der Gegenwart und die Aussichtlosigkeit der Zukunft zu überdecken.

Die ersten Freimaurer waren ungarische Aristokraten

Das Palais Festetics in Dég (irgendwo zwischen Budapest und dem Plattensee/Balaton) aus dem frühen 19. Jahrhundert gilt vielen Ungarn heute noch als geheimes Hauptquartier der Freimaurer: Verschwörungsunsinn! Richtig ist, dass mehrere männliche Mitglieder dieses ungarischen Adelsgeschlechts Freimaurer waren; und dass in diesem Gebäude bis 1945 über ein Jahrhundert lang eine große freimaurerische Manuskriptsammlung verwahrt wurde, in der alles über die österreichische Freimaurerei im 18. Jahrhundert dokumentiert war (siehe: Dégh und Festetics). Das Gebäude wurde im und nach dem Zweiten Weltkrieg devastiert: Von der Familie Festetics verlassen, wurde es zuerst von den Deutschen und dann den Russen besetzt. Die Einrichtung wurde zerstört oder entwendet; Manuskripte, Bücher, Gemälde, ja sogar das Parkett wurden verfeuert. Die Originale der Sammlung sind also verschwunden, von Teilen gibt es jedoch Abschriften im Ungarischen Zentralarchiv. In der kommunistischen Zeit wurde aus dem Gebäude ein Waisenhaus. Ab 2001 setzten Renovierungsarbeiten des Instituts für Denkmalschutz ein. Das Bild zeigt das Schloss auf seiner Parkseite. Für dieses und das nächste Foto danken wir Nóra Mészöly.
Ein ‚einsames’ freimaurerisches Symbol ist auf dem Gebäude noch zu sehen: rechts oben auf dem Seitenflügel.
Historisches Foto eines Freimaurertempels im Haus Hunyadi Platz Nr. 11 in Budapest: Von 1886 bis 88 arbeitete hier die Loge 'Grossmuth' (später 'Comenius'). – Für dieses und das folgende Foto bedanken wir uns bei Eszter Békefi.
Ein historisches Foto des von Peter Stiegnitz erwähnten ehemaligen Großlogenhauses in der Podmaniczky Gasse 45: ganz oben am Spitz mehrere Freimaurerzeichen.
Mehr als ein Jahrhundert später: das alte Großlogenhaus auf einem Foto aus dem Jahr 2017. Foto: HB
Dieser besonders repräsentative Fassaden-Teil (am Gebäude links) sagt viel aus über das Selbstbild und die gesellschaftliche Position der ungarischen Freimaurer um 1900: MDCCCLXXXXVI
Die Freimaurerzeichen am Giebel haben sich nicht verändert. Sie haben zwei Weltkriege ebenso überstanden wie zwei Diktaturen, welche die Freimaurerei verboten hatten: das nationalistische Horthy-Regime und den Kommunismus.

Die Vergangenheit der ungarischen Freimaurerei war zwar vom Anfang an nicht konfliktfrei, doch auch nicht ohne Glanz und Glorie. So darf ich jetzt, wenn auch nur im Telegrammstil, die wichtigsten Eckpunkte der Geschichte der ungarischen Brüder darlegen.

In die erste Loge auf dem damaligen Gebiet des von den Habsburgern regierten Ungarischen Königsreiches wurde das Licht 1749 von der Großloge von Warschau eingebracht. In kürzester Zeit entstanden dann neue Logen, die allerdings in Deutsch oder Latein arbeiteten, also in den Sprachen der damaligen Intelligenzia Ungarns.
Durch das gesamte 18. Jahrhundert bevölkerten ungarische Aristokraten die Logen, die im Geiste der französischen Aufklärung die ersten Museen, die großen Bibliotheken, aber auch agrarindustrielle Betriebe gründeten.

1795: Der Kaiser sperrt die Logen zu

Im Jahre 1795 verbot Kaiser Franz I. im ganzen Habsburgerimperium die Freimaurerei; so auch in Ungarn, dessen König er war.

Abgesehen von einigen zaghaften Bemühungen während der Revolution 1848/49 konnte erst 1861, erneut auf Initiative mehrerer ungarischer Aristokraten aus den Familien der Esterházy, Csáky, Teleki und Almási die Loge „Szent István“ („Heiliger Stephan“) in der Hauptstadt Pest gegründet werden. Da das Licht aus der Großloge von Hamburg kam, arbeitete diese Loge nur auf Deutsch. Das wiederum wollten die Aristokraten nicht. Inzwischen war Ungarisch angesagt, und so ging im Sprachenstreit diese Loge sang und klanglos unter.

1867: Ein neues liberales Vereinsgesetz

Nach dem verlorenen Krieg gegen Bismarcks Preußen musste Kaiser Franz-Joseph in Wien dem Drängen der Ungarn auf mehr Eigenständigkeit nachgeben, und so wurde aus dem Reich eine Doppelmonarchie mit zwei Reichshälften, die innenpolitisch weitgehend selbständig waren. Die Ungarn gaben sich jetzt ein liberales Vereinsgesetz. Dadurch wurde nach Jahrzehnten wieder freimaurerisches Leben möglich.

Nun wurden mehrere Logen gegründet, die teils auf Ungarisch, teils auf Deutsch arbeiteten: an der Spitze die Loge „Egység a hazában“ („Einigkeit im Vaterland“). Hinter dieser und anderen Logen stand niemand geringerer als der ungarische Ministerpräsident Graf Gyula (Julius) Andrássy, der 1854 in die Pariser Loge „Le Mont Sinai“ rezipiert worden war.

Zwei Großlogen entstehen und vereinigen sich

Die Loge „Egység a hazában“ mit ihren damals rund 60 Mitgliedern erhielt 1869 von der Großloge von England die Anerkennung. Daraufhin blühte in Ungarn die Freimaurerei auf, und am 30. Jänner 1870 haben sieben Logen die „Johannis Großloge von Ungarn“ ins Leben gerufen.

Gleichzeitig entstanden auch erste Logen, die nach dem Schottischen Ritus arbeiteten, und 1871 gründeten sie den „Ungarischen Groß-Orient“ als ihren Dachverband.

Der wohl größte Erfolg der ungarischen Freimaurerei war das Jahr 1886, als die beiden Großlogen – die „Johannis-Großloge von Ungarn“ und der schottische „Groß-Orient“ – gemeinsam die "Symbolische Großloge von Ungarn“ gründeten. Diesen Traditionsnamen trägt die reguläre Großloge von Ungarn auch heute wieder.

Anders als in Budapest ließ das Vereinsrecht in Wien, also in der anderen Reichshälfte, Logengründungen auch weiterhin praktisch nicht zu. Also fuhren österreichische Brüder regelmäßig über die nahe Binnengrenze nach Westungarn, um dort zu arbeiten; das war die Zeit der berühmten Wiener 'Grenzlogen'. Diese gehörten bis 1918 zur „Symbolischen Großloge von Ungarn“.

Knapp vor dem Verbot der ungarischen Freimaurerei 1919 arbeiteten im ganzen Land 100 Logen mit rund 7.000 Brüdern.

Licht und Schatten

Es wäre nicht Ungarn gewesen, wenn das „große Licht“ dieser glorreichen Epoche Ende des neunzehnten Jahrhunderts nicht alsbald ihre ersten Schattenseiten bekommen hätte. Der eigentliche Grund der neu aufgeflammten und sehr heftig geführten Auseinandersetzungen lag in der Zugehörigkeit der Brüder zu den verschiedenen gesellschaftlichen Schichten des Landes. Die wohlhabenden Aristokraten wurden nämlich immer mehr von mittelständischen Bürgern mit ihren ökonomischen und existentiellen Schwierigkeiten aus dem freimaurerischen Leben gedrängt. Die Folgen waren verheerend: lauthalse Streitereien und gegenseitige Beschimpfungen führten zu bösen Trennungen und zu Neugründungen kaum lebensfähiger Logen, die alsbald eingeschläfert werden mussten.

Auch prinzipielle Auseinandersetzungen der beiden Partner in der Großloge erschwerten die unbefriedigende Situation, da immer mehr Brüder des ehemaligen Großorients ihr Heil in der Nähe der französischen Freimaurerei suchten und dort auch fanden.

Die Politik entzweit die Brüder

Während sich die unter französischem Einfluss stehenden schottischen Brüder sehr stark politisch betätigen wollten, um die ungarische Gesellschaft zu verändern – aus ihren Reihen entstand sogar die linksliberale „Ungarische Bürgerpartei“ – hielten sich die englisch orientierten „Johannis“-Brüder an die parteipolitiklosen Prinzipien der Freimaurerei.

Am Beginn des 20. Jahrhunderts entstand unter dem französischen Einfluss schließlich ein (weiterer) „Groß-Orient“: nicht zu verwechseln mit dem oben erwähnten „Ungarischen Groß-Orient“ der schottischen Logen. Dieser neue „Groß-Orient“ wuchs schnell, und er wurde bald zum Auffangbecken liberaler und linker Ungarn. Vielleicht deshalb suchte die „Symbolische Großloge“ die Annäherung, wobei die französische, parteipolitisch motivierte Gesinnung die englische Zurückhaltung immer mehr verdrängte.

Zwanzigstes Jahrhundert: meistens Verbot

Nach dem Ersten Weltkrieg: Trotz der „Linkswendung“ wurde die ungarische Freimaurerei 1919 von der kurzlebigen kommunistischen Räterepublik verboten. Dieses Verbot wurde zwischen den beiden Weltkriegen von der rechten Horthy-Regierung langsam aufgeweicht; so konnten in den dreißiger Jahren Brüder, allerdings nur privat, unbehelligt auch ihrer rituellen Arbeit nachgehen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg: Schon 1945 wurde die Logenarbeit wieder aufgenommen; bis 1950 die Freimaurerei von der kommunistischen Diktatur wieder verboten wurde. Vor der gewaltsamen Auflösung der Großloge arbeiteten in 16 Logen rund 1.300 Brüdern in Budapest und in drei Komitaten (= Bundesländern).

Langsame Wiederauferstehung erst ab 1989

Im Jahre des Systemwechsels 1989 begann die Wiener Loge „Gleichheit“, die sich dann große Verdienste für die Erneuerung der Freimaurerei in Ungarn erwarb, ungarische ‚Suchende’ aufzunehmen: im burgenländischen Breitenbrunn nur wenige Kilometer von der ungarischen Grenze entfernt.

Und schon am 27. Dezember 1989, am Johannis-Tag, erfolgte seitens der Großloge von Österreich die Hammerübergabe an die wiedergegründete „Symbolische Großloge von Ungarn“.

Heute arbeiten in Ungarn in 14 regulären Logen knapp 400 Brüder. Und das nach über zwanzig Jahren.

2013: Die Lage ist eher bedrückend

Die heutige Situation der Freimaurerei in Ungarn ist wie in nahezu allen osteuropäischen Staaten eher trist als lustig, eher bedrückend als beglückend. Auf Ungarn bezogen hat das folgende Gründe:

  • Bei der Wiedereinsetzung der Freimaurerei im Jahre 1989 hat der damalige erster Großmeister mir in einem Gespräch erklärt, dass sie nicht bereit sind, Suchende, die Mitglieder der „Kommunisten“ waren, zu rezipieren. Da es in den Jahrzehnten davor auch in Ungarn kaum möglich war, eine berufliche Existenz außerhalb der herrschenden Partei aufzubauen, fehlt in den ungarischen Logen bis heute der tragfähige Mittelstand.
  • Der starke Rechtsruck im ungarischen politischen Leben macht das Leben der Brüder keineswegs leichter. So hat, um nur ein, wenn auch das krasseste Beispiel zu erwähnen, die Zeitung „Magyar Jelen“ („Ungarische Gegenwart“) der Neonazi-Partei „Jobbik“, immerhin die drittstärkste Fraktion im Parlament, eine wütende Artikelserie, mit sehr vielen, leider echten Informationen gegen die Großloge veröffentlicht. Und mit Drohungen: Der Großrepräsentant der ungarischen Großloge in Österreich zitierte in einem Bericht von ZEIT&MASS, dem Mitgliedermagazin der Großloge von Österreich, aus diesem Artikel der ungarischen Neonazi-Zeitung: „Wir werden das derzeit agierende geheime Netzwerk und dessen Mitglieder aufdecken .. Wir sehen und hören alles, was sie tun.“
  • Die „Symbolische Ungarische Großloge“ hat inzwischen im neu gegründeten „Grand Orient“ eine echte Konkurrenz bekommen. Zwar haben die französisch orientierten Logen nur rund 100 Mitglieder, doch sind sie in der Öffentlichkeit „bekannt, da sie Persönlichkeiten in ihren Reihen haben, die dort, ob ihrer Funktion bzw. Rolle, besser bekannt sind“ – hieß es im erwähnten Artikel.
  • Die Großloge erhielt ihr altes Haus, das sie jetzt ohnedies nicht erhalten könnte, in der Budapester Podmaniczky-Gasse nicht wieder; sie arbeiten jetzt in einer größeren Wohnung.
  • Verständlicherweise spielt auch die schlechte wirtschaftliche Situation, vor allem die niedrigen Pensionen, als Hemmfaktor im Freimaurerleben eine wesentliche Rolle; immer mehr ältere Brüder können nicht einmal die minimalsten Beiträge bezahlen.

Klein aber fein und doch verzagt

Natürlich zeigt sich die ungarische Freimaurerei auch von ihrer „guten Seite“. Aus masonischen Erfahrungen kennen wir das Zusammenspiel zwischen Qualität und Quantität der einzelnen Logen und Großlogen: Je schwächer die Quantität, umso stärker zeigt sich die freimaurerische Qualität. So erleben wir – und das macht sich auch in Österreich bemerkbar, dass in Obödienzen, die klein und leicht überschaubar sind, die maurerische Arbeit im Durchschnitt ein höheres Niveau erreicht als in großen und größeren Einheiten. So auch in Ungarn, wo die Baustücke (Zeichnungen), obwohl sie oft im Stehen und im Zeichen gehalten werden, eine nahezu unerreichbare philosophische und esoterische Tiefe erreichen. Auch in der Freimaurerei gilt der sozialpsychologische Lehrsatz: Je größer die Menge, umso seichter der Beitrag der einzelnen. Das betrifft sowohl die Frequenz der Anwesenheit als auch die Qualität der Baustücke. Genau diese Tatsache macht sich in den meisten ungarischen Logen bemerkbar.

Trotzdem: Die ungarischen Brüder, zumindest mit denen ich gesprochen habe, kennen keinen Optimismus. Die politische Lage erfüllt sie mit Trauer und Ängstlichkeit. Hilfe – aber das meinen ja alle Ungarn – könne nur „von ganz Oben“ kommen. Doch das war im Land der Magyaren immer schon so. Es ist also kein Wunder, wenn ihr Hymnus mit dem Wunsch beginnt: „Gott segne den Ungar“.


In Budapest arbeiten die Logen heute in einer verhältnismäßig kleinen Wohnung. Die Suche nach einer würdigeren Wirkungsstätte war bisher erfolglos (2016).
Weiter draußen gibt es Provisorien: Hier haben die findigen Brüder in Szeged (Südungarn) einen Veranstaltungssaal für ein paar Stunden zu einem Tempel umfunktioniert. Foto Rudi Rabe.



Ungarn im Internationalen Freimaurer-Lexikon Lennhoff-Posner von 1932

Die ungarische Frühzeit im 18. Jahrhundert

Die erste stärkere Berührung von Ungarn mit der Freimaurerei erfolgte zur Zeit der ersten Wiener Loge durch Offiziere der ungarischen Leibgarde in Wien, die sich um den Schriftsteller Georg Bessenyei gruppierten, ferner durch Angehörige des hohen Adels. Georg Bessenyei war um die Pflege der ungarischen Sprache und Schöpfung einer Literatur nach französischem Vorbild bemüht. An den Anfängen der Wiener Freimaurerei waren die bedeutendsten ungarischen Adelsgeschlechter beteiligt (u. a. Apponyi, Banffy, Batthyanv, Esterhazy, Festeties, Forgach, Gyulay, Palffy, Szapary und Teleki). Nach Ungarn selbst kam die Freimaurerei durch deutsche, polnische und französische Vermittlung.

In Preßburg wird eine Loge schon aus den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts gemeldet. Sehr früh gelangte die Freimaurerei nach den sächsischen Städten in Siebenbürgen, noch bevor dieses an Ungarn kam. 1749 entstand unter Berlin in Kronstadt die Loge "Zu den drei Säulen", gegründet von Senator Seuler. Es folgte 1767 die Loge "St. Andreas zu den drei Seeblättern" (Strikte Observanz) in Hermannstadt, das zwei Jahre zuvor Sitz der Regierung des neuen Großfürstentums geworden war.

Der Gouverneur, Baron Samuel Bruckenthal, der Gründer des Bruckenthal-Museums, ihr eifriger Förderer, war selbst in Wien Freimaurer geworden. Weitere Gründungen folgten. 1784 wurde die Provinzialloge von Siebenbürgen (Provinzial-Großmeister Graf Georg Banffy) unter der Großen Landesloge von Österreich eingesetzt. Zu ihr gehörte auch eine Loge in der Bukowina. In Siebenbürgen war von 1779-1781 auch Graf Ivan Draskovic eifrig tätig.

In Nordungarn hielt in den siebziger Jahren die Freimaurerei von Polen aus ihren Einzug. Die von Warschau 1770 gegründete Loge "Zum tugendhaften Reisenden" in Eperjes stiftete Bauhütten in Schemnitz, Neusohl, Kaschau und Miskolez. Reges freimaurerisches Leben herrschte auch in Kroatien, dessen Logen in Glina, Agram, Varasdin, Esseg, Karlstadt, im Verein mit anderen ungarischen Logen die Draskovic-Observanz bildeten, die auch in Temesvar und Battaszék Logen gründete.

In Budapest (damals noch Ofen und Pest), gab es zuerst wahrscheinlich nur Militärlogen. 1770 bildete sich die Loge "Zur Großmuth", die 1776-1778 vom Grafen Draskovic geleitet wurde. Auch in Ofen erfolgte eine Gründung. Unter der Leitung von Baron Jozsef Orezy vereinigten sich dann die Pester und die Ofener Loge. 1781 erhielt die Bauhütte den Besuch des russischen Thronfolgers, späteren Zaren, Paul I. Im gleichen Jahre schlossen sich auf Anregung von Draskovic die ungarischen Logen an Wien an, Graf Karl Pálffy wurde Provinzial-Großmeister der 12 Logen umfassenden - infolge des Freimaurerpatents Josephs II aber nur bis 1786 bestehenden - Provinzial-Großloge. Pálffy blieb aber auch nach ihrer Auflösung am Wiener Hofe freimaurerisch tätig. Ihm und anderen ungarischen Freimaurern am Hofe Josephs II. war es zu danken, daß die heilige Stephanskrone wieder nach Ungarn zurückkam und die Komitatskonstitution wieder auflebte. Freimaurer waren es auch, die damals die ungarische Nationalliteratur ins Leben riefen, die erste ungarische Zeitschrift herausgaben, die Idee der Akademie der Wissenschaften entwickelten, als erste daß ungarische Nationaltheater betreuten und sich für die Wiedereinsetzung der ungarischen Verfassung exponierten.

Die Logen in Siebenbürgen waren ebenfalls um die kulturelle Übung des Landes bemüht; sie gründeten eine Gesellschaft zur Pflege der ungarischen Sprache und eine solche für Geschichtsforschung. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es in Ungarn fast keine große politisch-kulturelle Erscheinung, die nicht von Freimaurern in die Wege geleitet worden wäre.

Daß Freimaurerpatent schränkte auch die ungarische Freimaurerei außerordentlich ein. Nur in Ofen, Pest, Agram und Karlstadt durften noch Logen bestehen. Als Leopold II. zur Regierung kam, waren nur die Logen, "Zur Großmuth" in Pest und die "Zur Klugheit" in Agram aktiv. Das neue Regime führte dann zum Aufleben und zur Neugründung einer ganzen Anzahl von Logen in den verschiedensten Städten; aber unter Franz II. hörte dann ebenso wie in Österreich in der Mitte der neunziger Jahre jede freimaurerische Tätigkeit auf. 1796 wurden die Freimaurer F. Hajnoezy, Hauptmann Laezkovies, Graf Sigray und der sonderbare Franziskanerabt Martinovics als sogenannte "Jakobiner", als Vorkämpfer für die ungarische Freiheitsidee in Ofen hingerichtet. Lange Zeit war die Freimaurerei zur Untätigkeit verdammt.

Wiedererweckung

Die Vorbereitungen zur Wiedererweckung im 19. Jahrhundert traf August M. Thoma, ein Budapester Buch- und Musikalienhändler, aus Strelitz in Preußisch-Schlesien stammend; 1845 in Fürth in Bayern in die Loge "Zur Wahrheit und Freundschaft" aufgenommen, fand er in Pest auch andere, aus ausländischen Logen stammende Freimaurer und war dann bemüht, mit ihnen unter dem Schutz einer deutschen Großloge eine Loge zu gründen. Unter dem System Metternich war aber die Erlaubnis nicht zu bekommen.

Am 26. Mai 1848 konnte dann unter Frankfurt die Loge "Ludwig Kossuth zur Morgenröte des höheren Lichts" gegründet werden ("Ludwig Kossuth" blieb dann im Logennamen weg). Thoma war Meister vom Stuhl. 1849 wurde die Loge wieder geschlossen. Erst 1861, nach Einberufung des ungarischen Reichstages, entstand wieder eine Bauhütte, die in ungarischer Sprache arbeitende Loge "Szent Istvan". Gründer waren u. a. die Grafen Eduard Karolyi, Theodor und Koloman Csaky, Johann Teleki, Stephan Esterhazy, Baron Adalbert Vay, Ludwig Lewis. Dieser wurde nach Hamburg entsandt, um von der dortigen Großloge einen Stiftungsbrief zu erlangen. Hamburg stellte u. a als Bedingung die Genehmigung durch die ungarische Regierung und deutsche Logensprache. Die meisten Mitglieder hielten aber am Ungarischen fest. Nach der Auflösung des Reichstages wurde die Freimaurerei wieder verboten. 1863 entstand in Genf eine ungarische Emigrantenloge "Ister" (Meister vom Stuhl: General Georg Klapka), die aber nur einjährigen Bestand hatte. Im gleichen Jahre gründete Professor Lewis eine Art Freimaurerklub. Wieder wurde die Regierung um die Erlaubnis zu einer Logengründung gebeten. Aber weder unter Schmerling noch unter Beleredi war eine solche zu erlangen.

Nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich

Ferenc Pulszky: Ungarischer Politiker und erster Grossmeister der 1870 gegründeten 'Grossloge von Ungarn' (später: 'Symbolische Grossloge von Ungarn').
Die Karikatur zeichnete 1872 Jankó János.
Weisheit - Stärke - Schönheit

Das änderte sich dann, als der österreichisch-ungarische Ausgleich von 1867 die neue ungarische Regierung brachte, an deren Spitze (der Freimaurer) Graf Julius Andrassy stand. Unter den aus dem Ausland zurückströmenden Emigrantenführern waren zahlreiche Freimaurer geworden: so Lajos Kossuth in Amerika. Andere in Italien und der Schweiz: General Georg Klapka, Franz Pulszky, Bischof Michael Horváth, Nikolaus Puky, Dionys Dezcewffy, Stephan Turr, Graf Ladislaus Teleki, Paul Almassy, Graf Georg Bethlen usw. Lewis suchte um die Bewilligung nach, öffentliche Vortrage über die Geschichte der Freimaurerei halten zu dürfen. Innenminister Baron Wenckheim erteilte diese. Der Erfolg ermunterte zur Logengründung.

Am 26. Juni 1868 entstand mit englischem Konstitutionspatent die Loge "Einigkeit im Vaterlande", die erst von Ludwig Lewis, dann von Franz Pulszky geleitet wurde. Im folgenden Jahre wurde "Szent Istvan" wieder aufgerichtet, welche Bauhütte als erste ausschließlich in ungarischer Sprache zu arbeiten erklärte. Logen in Temesvar ("Zu den drei weißen Lilien") unter dem Theaterdirektor Eduard Reimann aus Würzburg, Odenburg ("Zur Verbrüderung"), Preßburg (Honezeretet), Baja, Arad folgten. Am 30 Jänner 1870 bildeten sie die Ungarische Symbolische Johannis Großloge, die, zuerst vom "Eklektischen Bund" anerkannt, als ersten Großmeister Franz Pulszky wählte.

Zu gleicher Zeit hatte auch der Schottische Ritus durch die Tätigkeit von Graf Theodor Csaky, Georg Kulapka, Stephan Türr, Baron Albert Nyary, Eingang gefunden. Am 23. Mai 1861 wurde mit der Verfassung des Grand Orient de France die erste ungarisch arbeitende Loge "Corvin Matyas" eingesetzt. General Türr war erster Stuhlmeister. Noch im gleichen Jahre folgte die deutschsprachige Loge "Humboldt". Weitere Logen in Pest und Umgebung, Temesvar, Oravieza, Kaschau, Neuhausl, Werschetz, Arad und Beregszasz entstanden. 1871 bildete sich aus diesen der Großorient von Ungarn mit Staatssekretär von Joannovics als Großmeister. Pate war der Großorient von Frankreich. Sehr bald begonnene Versuche zur Vereinigung der beiden Riten, für die sich besonders der Stuhlmeister der Kaschauer Loge "Haladaß", Graf Theodor Csaky, einsetzte, scheiterten zunächst an einer durch den Deutsch-Französischen Krieg bedingten Spannung. Die Bemühungen wurden aber immer wieder erneuert. 1875 waren sie schon sehr weit gediehen, sie scheiterten aber schließlich wieder.

Die Hochgrade des Großorients bildeten das Haupthindernis. Dieser gab von 1874 an ein eigenes Organ "Hajnal" (Morgenröte) in deutscher Sprache heraus, an dessen Spitze 1880 der spätere Historiker der österreichisch-ungarischen Freimaurerei, Ludwig Aigner-Abafi trat. Am 21. März 1886 kam es aber doch zum Zusammenschluß als Symbolische Großloge von Ungarn.

Die Symbolische Großloge

Bis zu diesem Augenblick hatte die Johannis-Großloge 37, der Großorient 30 Logen ins Leben gerufen gehabt, von denen sich aber nicht alle als lebensfähig erwiesen hatten. 26 der ersteren, 13 des letzteren, insgesamt also 39 mit 1831 Mitgliedern, bildeten den Grundstock der Symbolischen Großloge, als deren erster Großmeister Franz Pulszky gewählt wurde. Der Großmeister des bisherigen Großorients Joannovics, wurde Ehren-Großmeister.

Die neue Symbolische Großloge entwickelte regste Tätigkeit. Daß neue Ritual war dem Schröderschen angepasst. Das Blatt "Hajnal" (seit 1889 "Kélet") erschien als rein ungarisches Organ, dem als deutsches der "0rient" an die Seite gestellt wurde.

1888 wurde Stephan Rakovszky Großmeister. Zahlreiche neue Logen entstanden, bei deren einigen sich die Basis allerdings ebenfalls wieder als zu schmal erwies. Bis 1900 stieg die Zahl der Bauhütten auf 46 Logen, die der Mitglieder auf 3324. Logen gab es in allen Teilen Ungarns und Kroatiens. Dazu kamen in Wien die Preßburger Grenzlogen und zwei Bauhütten in Serbien.

1893 wurde E. Ivanka, 1897 Georg Joannovics Großmeister. Zunächst überwog in der Arbeit die deutsche philosophische Richtung der Freimaurerei. Besonders starkes Gewicht wurde auf die Pflege des Rituals, Deutung der Symbole und Wohltun gelegt.

Die Zahl der philanthropischen Gründungen war außerordentlich groß. Man schuf ein Schwangerenheim, Anstalten für arme Mütter und Kinder, Gratismilch- und Gratisbrotverteilung, Kinderschutz, Obdachlose, Volksausspeisung, dann die Budapester Rettungsgesellschaft usw. (siehe Beitrag unten)

Die Großloge besaß seit 1896 an der Podmaniezky-Straße einen schönen Großlogenpalast. In den Logen wurden wissenschaftlich-soziologische Untersuchungen angestellt, um die Wohlfahrtspflege planmäßig zu gestalten.

Studienthemen der Logen waren u. a.:

  • Sicherung der Arbeitsmöglichkeit,
  • Schutz der Arbeit,
  • Verbreitung von Wissen und Aufklärung.

Im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts trat dann der progressive Charakter immer stärker hervor, Fragen, wie allgemeines Wahlrechts Verstaatlichung des Unterrichtes, wurden erörtert. Man trieb innerhalb der Logen keine Parteipolitik, aber Aufklärungsarbeit.

Die neue Tendenz wurde auch von der von Max Bakonyi 1908 gegründeten, nichtoffiziellen freimaurerischen Zeitschrift "Dél" vertreten und nach außenhin durch die 1910 auf Initiative der Loge "Eotvös" ins Leben gerufene Tageszeitung "Vilag". Im Jahre 1918 arbeiteten unter dem Schutze der Symbolischen Großloge von Ungarn 102 Logen mit zirka 7000 Mitgliedern, davon in Ungarn selbst 86, unter diesen 30 in Budapest.

Der Ausbruch des Weltkrieges unterbrach die Arbeit der ungarischen Freimaurerei. Das Großlogengebäude und die Logenhäuser in der Provinz wurden zu Krankenhäusern umgestaltet.

Wiederholt erhob die Großloge ihre Stimme für einen ehrenhaften Frieden; zweimal wandte sie sich im Interesse der Internierten und Kriegsgefangenen an die neutralen Großbehörden. Der ungarische Ministerpräsident Graf Stephan Tisza nahm während der Kriegsjahre, wie aus der von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften herausgegebenen Sammlung der Briefe des Grafen hervorgeht, mehrmale freimaurerische Dienste zu patriotischen Interventionen in Italien und Rumänien in Anspruch.

László Szigfrid: Ungarische Logenkarte von 1892. - Interessant sind die beiden Tabellen links und rechts der Landkarte. Vor allem: Die Logen links sind jene, deren Arbeiten sich auf die drei blauen Basisgrade beschränkten; die Logen rechts bearbeiteten neben den Basisgraden auch weiterführende (schottische) Grade. Darüber hinaus enthalten die Tabellen weitere Detailinformationen: Die ersten sieben Logen links sind die Gründungslogen der ungarischen Sankt-Johannis-Großloge (1870), die ersten sechs Logen rechts sind die Gründungslogen des ungarischen Großorients (1871). Beide haben sich 1886 zur ‚Symbolischen Großloge von Ungarn’ vereinigt: Die unterstrichenen Logen auf beiden Seiten sind deren Gründungslogen.
Die Logen in den drei Orten ganz im Westen (Pozsony, heute Bratislava in der Slowakei; Lajtaszentmiklós, heute Neudörfl im österreichischen Burgenland; und Sopron/Ödenburg) waren mehrheitlich Wiener Gründungen: die sogenannten Grenzlogen.
Ungarn war damals erheblich größer als heute: Der nördlicher Teil auf dieser Karte ist heute die Slowakei; der östliche gehört zu Rumänien; der südliche ist Kroatien. Ein schmaler Streifen im Westen ging 1919 an Österreich (heute das Burgenland). Die Gebietsverschiebungen waren die Folge des Ersten Weltkriegs und des dadurch ausgelösten Zerfalls der Habsburger-Monarchie.
Die Karte ist aus dem Archiv der ungarischen 'National Széchényi Library'.

Unterdrückung nach dem (Ersten) Weltkrieg

Nach dem Weltkrieg fristete die ungarische Freimaurerei nur noch ein ganz kurzes Dasein. Am 21. März 1919 - der Abend, an dem die Proletarierdiktatur ausgerufen wurde - hielt die Budapester Comeniusloge noch eine feierliche Aufnahmearbeit ab.

Am nächsten Tage erklärte der Rat der Volkskommissäre die Freimaurerei für aufgelöst. Rote Soldaten nahmen das Grosslogengebäude in der Podmanicky-Straße für die Gewerkschaft der Hausbesorger in Besitz.

Nach der kommunistischen Schreckensherrschaft machte die rumänische Besetzung Ungarns die Wiederaufnahme der Arbeit zur Unmöglichkeit.

Am 24. Mai 1920 wurde das Gebäude der Großloge neuerlich besetzt, diesmal vom Offiziersverband "Move", der daß Haus am nächsten Tag vom Wohnungsamt mit der gesamten Einrichtung in Miete erhielt.

Am 18. Mai 1920 löste der Minister des Innern, Dr. Michael Dömötör, die Symbolische Großloge von Ungarn und ihre Logen auf. Die ministerielle Verordnung behauptete, die Freimaurer hätten Politik betrieben , versucht die Macht im Staate an sich zu reißen, den Krieg heraufbeschworen, während desselben den Defaitismus geschürt, beim Entfachen der Revolution und des Bolschewismus anhaltende Minierarbeit verrichtet. Diesen Beschuldigungen war aber keine Untersuchung vorausgegangen. Die ungarischen Freimaurer erklärten, die Verordnung sei nur erfolgt, um der Wegnahme des Großlogengebäudes durch eine der damaligen Regierung nahestehende Gruppe nachträglich einen Rechtstitel zu geben.

Die "Move" nahm niemals ein Inventar auf. Eine Reihe von wertvollen Stücken aus dem Museum, auch der Hammer des Großmeisters tauchten bei einem Trödler auf, Möbel, Einrichtungsgegenstände und Bilder aus dem Tempel wurden 1930 von einem Antiquar zur Versteigerung gebracht. 1923 wurde das Gebäude vom Ministerium des Innern auf den dem Wohlfahrtsministerium unterstehenden Krankenunterstützungsfonds überschrieben.

1927 gab der Wohlfahrtsminister das Haus dem Offiziersverband neuerlich auf 16 Jahre in Pacht. Die Führer der aufgelösten Großloge verlangten in Eingaben an den Reichsverweser Horthy und den Ministerpräsidenten Grafen Paul Teleki eine Untersuchung und Rückgabe des Hauses. Eingehend legten sie dar, das die Beschuldigungen zu Unrecht erfolgt waren. Eine Erledigung erfolgte nicht, trotzdem die Eingabe bei jedem Kabinettswechsel erneuert wurde. Dagegen trat eine systematische antimaurerische Propaganda in der Presse, in der Gesellschaft, in allen öffentlichen Institutionen ein.

Zwar trat die Regierung 1921 mit den füheren leitenden Männern der verbotenen Großloge amtlich in Verbindung, um durch ihre Vermittlung eine raschere Heimbeförderung der noch in Rußland befindlichen ungarischen Kriegsgefangenen zu erreichen, aber die geforderte Untersuchung wurde niemals eingeleitet, trotzdem sie 1922 vom Innenminister Grafen Klebelsberg zugesagt wurde. Der ihm im gleichen Jahre folgende Stephan Rakovszky, Sohn des ehemaligen Großmeisters, wich aus, indem er erklärte, daß eigentlich schon eine Untersuchung stattgefunden habe, deren Ergebnis in einem Buch", Sünden der Freimaurerei", niedergelegt sei.

Es handelt sich dabei aber nicht um einen offiziellen Akt, sondern um Studien zweier antifreimaurerischer Journalisten, die ein auf bloße Sensation berechnetes Werk verfaßt hatten, das alle die üblichen Anschuldigungen antifreimaurerischer Hetzschriften enthielt.

Der Rechtsstandpunkt

Die ungarischen Brr. beharren auch heute nach wie vor auf ihrem Rechtsstandpunkt (1932). Sie führen den Nachweis, das sie weder vor dem Krieg noch während desselben oder nach dem Krieg eine der ihnen angelasteten Handlungen begangen haben und daß sie auch der behaupteten "anhaltenden Minierarbeit am Entfachen der Revolution und des Bolschewismus" nicht schuldig sind.

Es gab in einigen ungarischen Bauhütten, beispielsweise in der Loge "Martinovics", eine Anzahl radikaler Elemente, die die Meinung vertraten, es sei besondere Pflicht der Freimaurerei, fortschrittliche Außenarbeit zu leisten, aber diese vermochten die Großloge in keinem Augenblick in eine Richtung zu führen, die auf eine Unterstützung revolutionärer Bestrebungen hinausgelaufen wäre. Zwei Freimaurer, der Soziologe Oskar Jaszi, jetzt sehr bedeutender Universitätsprofessor in Oberlin USA, und Paul Szende, waren während der Oktoberrevolution Minister der Regierung Karolyi, die dann den Kommunisten weichen mußte. Es waren zwei Männer, denen auch ihre Gegner den guten Willen und die unbedingte Uneigennützigkeit nicht absprachen, die ungarische Freimaurerei ging aber nicht mit ihnen. Im Kabinett Karolyi war auch der spätere erste Ministerpräsident der Gegenrevolution und reaktionäre Agitator Stephan Friedrich, ebenfalls Freimaurer, Staatesekretär. Dieser hätte gern eine aktive Unterstützung des Regimes Karolyi durch die Freimaurer gesehen, diese lehnten aber ab.

Weder der Chef der kommunistischen Regierung, Béla Kun, noch jene Führer der Sozialdemokraten, die die Stützen der Räteherrschaft waren, gehörten zur Freimaurerei. Zu dieser zählte lediglich der Hochschulprofessor Peter Agoston aus Großwardein. Noch während des Weltkrieges hatte die sozialdemokratische Partei Ungarns ihren Mitgliedern die Zugehörigkeit zum Bunde verboten.

Da die ungarische Freimaurerei die Einleitung einer Untersuchung nicht erreichen konnte, wurde von anderer Seite versucht, Gerechtigkeit zu erlangen. Im Herbst 1921 sprachen auf Empfehlung des ungarischen Außenministers Grafen Bánffy, mit dem die Führer der A. M. I. im Anschluß an ihren ersten Genfer Konvent Fühlung genommen hatten, der damalige Großmeister der schweizerischen Großloge "Alpina" Prof. Reverchon, und der Historiker der Großloge von New York, Ossian Lang, in Budapest beim Innenminister Stephan Rakovszky vor. Im Laufe der Erörterungen machte der Minister den Vorschlag, die Freimaurer sollten einen neuen Wohltätigkeitsverein gründen; wenn dessen Tätigkeit Regierung und Gesellschaft zufriedenstelle, würden die Mitglieder mit der Zeit wieder daß Recht zu freimaurerischer Arbeit erhalten.

Die Führer der ungarischen Freimaurer erklärten aber, die Arbeit in keiner Form wieder aufzunehmen bevor sie nicht Gelegenheit gehabt hätten, sich vor der gesamten Öffentlichkeit gegenüber den amtlich gegen sie erhobenen Anklagen des Landesverrats und der Gottesleugnung zu rechtfertigen.

Auch im ungarischen Parlament wurde in der Folge wiederholt auf das schwere Unrecht hingewiesen, dass den Freimaurern geschehen ist, so im Mai 1928. Damals war eine große ungarische Abordnung aus New York von der Einweihung des Denkmals Ludwig Kossuths zurückgekommen. Da das Geld zur Errichtung des Monuments dieses größten ungarischen Patrioten und Freimaurers hauptsächlich von ungarischen Mitgliedern amerikanischer Logen aufgebracht worden war, hatte die ungarische Regierung auch die verfemten Freimaurer eingeladen, Delegierte nach New York zu entsenden. Dadurch kamen Führer der ungarischen Abordnung in Berührung mit dem amerikanischen Maurertum. Auf Grund der dortigen Eindrücke erklärte der der Regierungspartei angehörige frühere Unterrichtsminister, Lukaefi, in der Nationalversammlung, die Zeit für eine Revision der antifreimaurerischen Haltung sei gekommen. Er hatte mit seiner Auffassung keinen Erfolg.

Anläßlich der Internationalen Freimaurermanifestation in Belgrad 1926 waren (mit Genehmigung ihres Außenministeriums) ungarische Freimaurer zugegen, ebenso bei den verschiedenen Tagungen der A. M. I. und der Allgemeinen Freimaurerliga.

1889: Aus einer Rede

Quelle: Freimaurerzeitung Nr. 16, 19. April 1890, S. 127

Zwanzig Jahre sind verflossen, seit die Maurerei in Ungarn sich konstituiert, und wenn ich die praktischen Resultate, die so genannten grossen Schöpfungen erwäge, so finde ich im Buche unserer Geschichte die folgenden bedeutenden Schöpfungen verzeichnet:

  • den Klub für Volksunterricht,
  • das Unternehmen für sittliche Plachenliteratur (?),
  • den Sträflings-Unterstützungsverein,
  • der Verein für Hausindustrie,
  • die Asyle für Obdachlose,
  • die Mehrzahl der Rettungshäuser,
  • die Krankenhäuser für arme Kinder,
  • die Vereine fÜr Kinderbekleidung,
  • den Verein für Ferialkolonien (?),
  • den Verein "Kinderfreund" zur Verpflegung armer Schulkinder,
  • den Kinderschutz-Verein,
  • die freiwillige Rettungs-Gesellschaft,
  • die "Idiotenanstalt" (Anmerkung: heute nicht mehr gebräuchlich),
  • die Suppenanstalten,
  • die Volksküchen,
  • die Wärmestuben,
  • die Kindergärten,
  • die Creches,
  • Spitäler und Spitalstiftungen,
  • die Belohnung treuer Dienstboten und Ammen,
  • die Weihnachtsbescheerungen für arme Kinder,
  • die Unterstützung verschämter Armen,
  • die Hilfeleistung für Taubstumme, Findlinge und Spitalkranke, . .
  • die unentgeltliche Ordinationsanstalt für arme Kranke,
  • Asyle für Wöchnerinnen,
  • die nützliche Beschäftigung von Vagabunden
  • Korrektionsanstalten

und zahlreiche andere humanitäre Institute, deren Aufzählung zu weit führen würde.

Wenn man nun fragt, ob dieses Resultat für zwei Jahrzehnte ein befriedigendes sei, so können wir erhobenen Hauptes antworten: ja, es ist befriedigend von Seite einer Körperschaft, welche einmal wöchentlich sich versammelt, und die wenigen Stunden ihrer Arbeitszeit auf administrative Agenden verwenden muss. Denn nicht aufs Geratewohl haben wir Institutionen geschaffen, sondern wir haben Lücken ausgefüllt, und durch das glückliche und taktvolle Ausfüllen dieser Lücken der Organisation der Wohlkeit in unserem Vaterlande die Richtung angegeben.

Auch fand unsere Direktive allenthalb im Lande Nachahmung und führt zu heilsamen Resultaten. Unsere Initiative, unsere Arbeit, unsere Schöpfungen füllen die glänzendsten Seiten aus in der Geschichte des humanitären Wirkens in Ungarn.

Aber auf den Ruhm dieser Arbeit, der uns nach Recht gebührte, haben wir verzichtet zu Gunsten jener zumeist profanen Individuen, die wir an die Spitze unserer Schöpfungen stellten. Während der grossen Festlichkeiten, auf welchen unsere Schöpfungen verherrlicht wurden, hielten wir uns bescheiden im Hindergrunde und freuten uns der allgemeinen Anerkennung, weil dieser die wirksamere Unterstützung seitens des Publikums auf dem Fusse folgte.

Und doch sind es nicht diese vielen bedeutsamen bahnbrechenden und richtunggebenden Schöpfungen, worauf die ungarische Freimaurerei am meisten Stolz sein darf.

Unser größter Stolz muss sein, dass die liberalen Ideen, welche sich zur Geltung durchgerungen, dass die Männer, welche die Wortführer dieser Ideen waren, aus unseren Reihen hervorgegangen sind. Unser Stolz muss es sein, dass die maurerischen Ideen und Sitten jene Männer veredelt haben, welche uns angehören, und welche als unsere Apostel hinausgezogen sind in die profane Welt, um das Gute, Edle und das rein Menschliche zu verkünden und diese Ideen in alle Funktionen des öffentlichen Lebens und in alles behördliche Wirken zu verpflanzen.

Wohl weis ich, dass dies eine kühne Behauptung, doch ist sie wahr. Glaubst du es nicht - wandte ich mich an unseren unzufriedenen Bruder, - so frage hier bei Jedem von uns an, welchen Einfluss die Maurerei auf ihn und auf seine profanen Handlungen ausgeübt?

Statistische Angaben von 1884

Quelle: Freimaurerzeitung 38 Jahrgang Nr. 3, 19. Januar 1884

Der Gr.-Or. von Ungarn zählt 15 Logen mit 495 Mitgliedern. Davon entfallen auf Österreich eine Loge mit 59 Mitgliedern.

Bekanntlich zählt die Großloge 25 Logen mit 1246 Brr., wovon auf Österreich 7 Logen mit 496 Brr. fallen.

Unter den Brr des Groß-Orients befinden sich

  • 1 Militär-Attaché,
  • 1 General,
  • 11 FML.,
  • 4 Amtsdiener,
  • 4 Reichstagsabgeordnete,
  • 12 Privatiers,
  • 10 Schriftsteller,
  • 13 Beamte von Geldinstituten,
  • 13 Künstler,
  • 17 Professoren und Lehrer,
  • 17 Verkehrsbeamte,
  • 19 Gerichtsbeamte,
  • 27 Privatbeamte,
  • 28 Staatsbeamte,
  • 29 Ärzte,
  • 31 Ingenieure und Architekten,
  • 82 Landwirte,
  • 33 Munizipalbeamte,
  • 53 Industrielle und Fabrikanten,
  • 53 Advokaten,
  • 9 Kaufleute.

1890: Über die ungarische Freimaurerei

Freimaurerzeitung Nr. 34, 30. August 1890 S.280

Über die ungarische Freimaurerei hat der Kanzleibeamte unserer Grossloge, Br. Otto Trautmann, interessante Daten zusammengestellt; wir teilen von diesen Daten folgende mit:

Der 1870 konstituirte Gross-Orient von Ungarn gründete 30 Logen, die in demselben Jahre gegründete Johannis-Grossloge gründete 37 Logen.

Von diesen unter dem Gross-Orient

wurden eingeschläfert: 13 Logen
vereinigt: 1
aufgelöst: 3
ausgeschieden: -
zusammen 17 Logen
es verblieben sonach 13 Logen
mit 516 Brr.

Unter der Johannis-Grossloge

wurden eingeschläfert: 4 Logen
vereinigt: 1
aufgelöst: 5
ausgeschieden ist 1
Zusammen: 11 Logen
es verblieben sonach 26 Logen
mit 1315 Brr.

Die symbolische Grossloge von Ungarn wurde demnach am 21. März 1886 von 39 Logen mit 1831 Brüdern gegründet.

Die vergessene ungarische 'Reformgroßloge' (1913 – 1930)

In der Freimaurerforschung gilt es als gesichert, dass in Ungarn bald nach dem Ersten Weltkrieg alle Logen zusperren mussten. Dies bezieht sich auf die dominante ‚Symbolische Großloge von Ungarn’. Dabei wird jedoch übersehen, dass daneben noch eine viel kleinere Großloge arbeitete: die ‚Reformgroßloge der Freimaurer von Ungarn’. Diese wurde 1913 mit einem Patent des deutschen Freimaurerbundes zur aufgehenden Sonne gegründet, eine freimaurerische Reformbewegung, die nach der Jahrhundertwende entstanden war. Sie wurde vom freimaurerischen Mainstream nicht anerkannt, und das galt natürlich auch für den kleinen ungarischen Ableger, der aus vier Logen in Budapest, Szombathely, Szeged und in Nyíregyháza bestand.

Offenbar wurde diese kleine Gruppe von der damals freimaurerfeindlichen ungarischen Regierung nicht wahrgenommen, so dass die Reformgroßloge bis 1930 arbeiten konnte.

Inzwischen haben sich ungarische Freimaurerforscher dieses Themas angenommen und ihre Erkenntnisse auf dieser ungarischen Website publiziert: hier.

Siehe auch

Link zu dieser ungarischen Website: http://deakpaholy.hu - Und Link zu deren Autor: http://www.zebarra.de

Links

Die folgende drei Links führen zu Seiten, die sich auf Ungarisch mit der ungarischen Freimaurerei befassen.
Vor allem den ersten Link wollen wir Ihnen ans Herz legen: Er führt zu einem ungarischen Freimaurer-Wiki.

Und hier weitere Links:


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